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»Fehlt dem Journalismus der Tiefgang?«

Jetzt reden wir erst einmal über Inhalte. Denn darum geht es in den meisten Redaktionen, in die ich Einblick hatte und habe, nämlich noch immer. Auch in der Frankfurter Rundschau wird leidenschaftlich und kontrovers über Themen diskutiert. Gerade in diesen mehr als anstrengenden Zeiten versuchen wir verstärkt Analysen und Hintergründe anzubieten. Das gelingt nicht immer gleichermaßen gut. Natürlich haben die Printzeitungen viel weniger Geld für Redakteurinnen und Redakteure, worunter auch das Korrespondentennetz erheblich gelitten hat.

Keine Frage, das Internet hat den Journalismus verändert, teilweise dramatisch. Auf den Webseiten geht es durchweg krawalliger, bunter und hektischer zu als in den gedruckten Ausgaben. Wer sich das Tagesgeschäft anschaut, mit seinen schnelllebigen Informationen, der mag durchaus den Eindruck bekommen, dass alles immer oberflächlicher wird. Schnelle News, gerne auch mal abgeschrieben aus den Social Media, ohne den Wahrheitsgehalt überprüft zu haben – das ist teilweise durchaus das Tagesgeschäft für Online. Reichweite und damit nicht selten Clickbaiting macht ja mindestens einen Teil des Geschäftes aus. Es wäre naiv, das zu bestreiten.

Ja, das journalistische Angebot in Deutschland ist unübersichtlicher geworden, und die Qualität geht zum Teil weit auseinander. Das gab es aber auch früher schon. Dem journalistischen Tiefgang hat die Entwicklung der letzten Jahre nicht geschadet. Vielleicht sogar im Gegenteil.

»Der journalistische Arbeitsalltag ist verdichteter geworden, nicht oberflächlicher.«

Längst sind wir in der gedruckten Zeitung weg von den üblichen Wasserstandsmeldungen, der vielzitierten Chronistenpflicht. Die gibt es natürlich auch noch, aber doch weniger als früher und schon gar nicht in der Reinform. Wer am Montag über den Wahlsonntag berichtet, liefert die Analyse, mindestens den einordnenden Kommentar bereits mit. Die derartige Anforderung ist in den vergangenen zehn, 15 Jahren  eher gestiegen. Das verdichtet den journalistischen Arbeitsalltag, ja. Aber es macht ihn nicht oberflächlicher. Denn die Konkurrenz ist ja auch nicht kleiner, sondern größer geworden.

Der Journalismus ist ein kompetitiver Beruf, hier stimmt es wirklich, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Im politischen Berlin mag manch eine oder einer darüber stöhnen. Keine Frage, die eher übersichtliche Berichterstattung im ebenso übersichtlichen Bonn war spätestens mit dem Regierungsumzug passé. Aber die Leserschaft profitiert davon.

Besondere Herausforderung für lokale Medien

Zwar ist es richtig, dass das einstige Geschäftsmodell der Printzeitungen erodiert. Früher war es ja so, dass eine Redaktion mit gutem Angebot die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser gewonnen hat und damit gleichzeitig das Interesse der Werbekunden. Diese Wertschöpfungskette gibt es nicht mehr und wird es auch nie mehr geben. Die Firmen, die ihre Werbung in den Printmedien geschaltet haben, sind weitergezogen. Das ist für Lokalmedien ein Problem, das sich kaum lösen lässt.

Kein Wunder, dass gerade dort die Redaktionen ausgedünnt wurden, was sich natürlich auch auf die Berichterstattung auswirkt. Trotzdem würde ich bestreiten, dass das automatisch zu weniger Tiefgang im lokalen Journalismus führt. Dafür gibt es – gerade im Osten Deutschlands – gute Gegenbeispiele. Im überregionalen Bereich hat sich sogar eine neue Konkurrenz entwickelt, die auf weit größeren Tiefgang setzt.

Die Rede ist von den Fachmedien mit Online-Newslettern wie sie Table Media anbieten oder auch Politico und Pioneer. Sicher, da ist auch manches Geschwätz dabei oder wie der Medienjournalist Steffen Niggemeier schreibt, die »kleinsten Scoops der Welt«. Doch auch das ist, ehrlich gesagt, selten uninformiert. Die Erfindung des »Deep Journalism« hat nach Meinung von Fachleuten nicht nur die Bandbreite erhöht, sondern auch die Leserschaft vergrößert. »Die Zielgruppe ist größer geworden«, sagt etwa der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Er sieht eine Tendenz darin, dass spezielle Formate wie jene Fach-Newsletter tiefergehende journalistische Inhalte auch über ein reines Fachpublikum hinaus vermitteln lassen.

Dialog mit der Leserschaft

Stichwort Fachpublikum: Die Möglichkeit, mit der sich kundige Leserinnen und Leser über die sozialen Medien Gehör verschaffen können, hat der Qualität der Medien ebenfalls nicht geschadet, sondern sie im Gegenteil vielfach sogar geschärft. Die Journalistinnen und Journalisten sind längst gezwungenermaßen vom Katheter heruntergestiegen und im besten Fall in einen Dialog mit der Leserschaft eingestiegen. Auch das macht das jeweilige Medium besser und tiefgründiger.

Die lange Zeit übliche Gratismentalität im Netz ist doch längst der Einsicht gewichen, dass für gute und vor allem vertrauenswürdige Inhalte auch bezahlt werden muss. Immer mehr Menschen sind bereit, ein Abo abzuschließen – auch wenn die Zahl derjenigen abnimmt, die ihre Zeitung jeden Morgen aus dem Briefkasten holen.

»Bewegen müssen sich auch die Redaktionen und zwar mit ihrem Publikum.«

Klar ist allerdings auch, dass von alleine gar nichts besser wird oder auch nur gut bleibt in der Branche. Die künftige Qualität steht und fällt mit dem Nachwuchs – bei den Leser:innen und in den Redaktionen. Da muss vieles gleichzeitig passieren. Noch immer ist bei vielen jungen Menschen der Journalismus ein Traumberuf. Aber er wird zumindest in der freien Wirtschaft immer schlechter bezahlt. Das ist nicht zuletzt eine Aufgabe für die zuständigen Gewerkschaften und Berufsverbände. Bewegen müssen sich aber auch die Redaktionen und zwar mit ihrem Publikum. Es ist ja klar, dass die Auflagen gedruckter Zeitungen schmelzen und es mindestens die täglichen Ausgaben eines Tages nicht mehr geben wird.

Doch auch das muss nicht bedeuten, dass der Journalismus an Tiefgang verliert. Er wird anders aussehen, anders produziert werden, anders verteilt – doch keine dieser technischen Änderungen muss bedeuten, dass er an Qualität verliert.

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