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picture alliance / Sergey Nivens/Shotshop | Sergey Nivens

Wie öffentliche Debatten im Netz blockiert werden Findet das reflektierte Wort Gehör?

Die einleitende Frage enthält zwar ein Fragezeichen, ist aber ganz offensichtlich rhetorisch. Sie transportiert Annahmen. Schon das erste Begriffspaar enthält eine Annahme. Sie lautet: Filterblasen und Echokammern existieren. In ihnen gibt es keinen Platz für kluge Diskussion, weil im ersten Fall ein Algorithmus steuert, was der Empfänger zu sehen, zu lesen und zu hören bekommt, im zweiten die eigene Meinung wieder und wieder gespiegelt wird. Für die Existenz solcher Kammern spricht zwar Einiges: Wer seine Informationen von entsprechend konstruierten Algorithmen erhält, wird am Ende eher in den eigenen Überzeugungen verharren, anstatt sie zu prüfen. Eine differenzierte Meinungsbildung ist vermutlich weder beabsichtigt noch möglich, wenn der Zugang zum breiten und vielfältigen Strom der Nachrichten und Kommentare einmal verloren ist. Für das Ergebnis spielt es kaum eine Rolle, ob die Beschränkung selbstgewählt, zufällig, oder ein Geschäftsmodell ist. Die Wahrnehmung verengt sich.

Das allerdings gilt nicht nur für bildungsferne, prekäre, hasserfüllte oder dem Rechtsradikalismus zuneigende Milieus, die man sich unwillkürlich vorstellen soll, wenn das Thema Filterblase und Echokammer aufgerufen wird. Dem aufgeklärten Intellektuellen erscheint es so, als seien die Kammern von Reichsbürgern bevölkert, von deutschem Geist durchweht, zumindest aber von feindseligen Kräften geprägt. In den Filterblasen der US-Amerikaner wohnen die Trump-Anhänger und Verschwörungsgläubigen. Ist es aber wirklich so?

»Ist die Filterblase nicht auch auf der hellen Seite des Diskurses zu Hause?«

Befriedigt die Echokammer nicht aber auch das menschlichste aller Bedürfnisse – das nach Anerkennung, Zustimmung und Aufgehobenheit? Haben das simpel gestrickte Menschen exklusiv? Wenn die Kollegen »ihre Bubble« mit Kommentaren auf LinkedIn herzen, die Tweets oder Skeets der stets »wunderbaren« Gleichgesinnten feiern, wird dann nicht auch ihre Wahrnehmung nach und nach auf die Welt beschränkt, in der sie sich bewegen? Wer die hässlichen Bemerkungen nicht mehr liest, die nach politischen Entscheidungen oder klugen Leitartikeln unausweichlich sind, die Hater gerichtlich verfolgen lässt, mag Recht haben. Doch Recht zu haben und den Fokus auf das zu beschränken, was angenehmer und geschmeidiger daherkommt, sind zwei unterschiedliche Sachen. Die Mitte ist leer geworden, daran sind alle beteiligt. Das verharmlost weder den Rechtsex­tremismus, noch die Gefahr von Meinungsmonopolen. Doch es weist auch darauf hin, dass die »Guten« und ihre Sicht der Welt von den Anderen nun ebenfalls als Extrempunkt der Polarisierung wahrgenommen werden.

Was ist das reflektierte Wort?

Das reflektierte Wort ist eine Sprachschöpfung der besonderen Art. Es signalisiert Überlegenheit dem einfachen Wort gegenüber, es ist schließlich vernunftvorgefiltert. Doch wann hätte es jemals die öffentliche Debatte bestimmt? Nicht einmal in den Anfangsjahren der westlichen Bundesrepublik, der östlichen DDR wäre jemand auf die Idee gekommen, den neuen Staat, die Bonner Demokratie mithilfe des reflektierten Worts aufzubauen. Der zurückhaltende, nachdenkliche, überlegte Ton war in seinen besten Momenten die Begleitmelodie, aber nie die Dominante. Intellektuelle haben darunter schon immer gelitten.

Das hat sich jetzt noch einmal verschärft. Nicht nur, weil die Tonalität rigoroser geworden ist, sondern weil der Nachteil von leisen Minderheiten besonders bemerkbar wird. Der öffentliche Diskurs hat sich erweitert, beschleunigt, er ist lauter und aggressiver geworden. Das reflektierte Wort ist das leidtragende Opfer dieser Entwicklung. Weil heute Stammtischbrüllereien Millionen erreichen können, wird das Nachdenkliche energischer als früher verdrängt und übertönt. Hat es deshalb weniger Einfluss? Möglicherweise. Es wird aber auch deshalb infrage gestellt, weil die Absender nicht mehr als Autoritäten aus eigenem Recht anerkannt werden.

Wer führt die »öffentliche Debatte«?

Das leitet zur nächsten Prämisse der Fragestellung: Verschwindet die Vernunft tatsächlich, ist die Aufklärung zu Ende – oder geht es hier um den Anspruch derjenigen, die das reflektierte Wort pflegen, in besonderer Weise gehört, verstanden und anerkannt zu werden, »durchzudringen«? Es darf bezweifelt werden, dass früher mehr Vernunft war. Es gab nur eine andere Öffentlichkeit. Die Hausmeister und Türsteher des Diskurses teilten die Zugangsrechte zu, und sie privilegierten die besonders Nachdenklichen. Verlagshäuser, private und öffentlich-rechtliche Medienanstalten regelten den Nachrichten- und Meinungsaustausch, sie befanden über Wahrheit und Relevanz.

»Die vermeintlich öffentliche Debatte war früher ein Gespräch unter Wenigen, denen die Vielen zuhörten.«

Die vermeintlich öffentliche Debatte war ein Gespräch unter Wenigen, denen die Vielen zuhörten. Das so Gehörte, Gesehene und Gelesene wurde anschließend im Gespräch mit Nachbarn, Kollegen und Freunden, oder zuhause am Küchentisch reflektiert und kommentiert. Ob die Zustimmung und das Niveau höher waren als das heute in sozialen Medien veröffentlichte, ist nicht anzunehmen. Der Unterschied ist vermutlich nicht in der Debatte, sondern im Grad der Öffentlichkeit zu finden.

Mit der Entwicklung »des Netzes« und seiner Zugangsmöglichkeiten verschoben sich die Ansprüche an Partizipation. Die andere Seite, die des »reflektierten Wortes« versuchte dagegen, ihre Konventionen für allgemeingültig zu erklären. Je stärker aber die öffentliche Debatte mit vermeintlich unverhandelbaren Regulierungen ausgestattet wurde – gendergerechte Sprache, diskriminierungs­freier Diskurs, antirassistisches Vokabular – desto mehr verengt sie sich, desto vehementer wird sie angefeindet.

Hier soll nicht bestritten werden, dass Regeln notwendig sind. Doch wenn nur diejenigen zur öffentlichen Debatte zugelassen sind, die sich all der Regeln sicher sind und sie beherrschen, werden alte Gesprächshierarchien durch die Hintertür wieder hergestellt. Nur, dass es jetzt keine technische Begründung mehr gibt. Das zu bemerken und sich dagegen zu verwahren, macht einen Teil des öffentlichen Streites aus. Noch gibt es keinen gemeinsamem Grund für eine Debatte, die öffentlich geführt wird, weite Kreise der Bevölkerung einschließt und gleichzeitig die Erwartungen einer aufgeklärten Elite an die Qualität dieses Gesprächs erfüllt.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Bedeutung des vernünftigen Gesprächs für das breitere politische und gesellschaftliche Klima und für die politische Willensbildung. Die Wendung »Findet das reflektierte Wort Gehör?« beinhaltet einen verschämten Machtanspruch. Jemand soll helfen, dem reflektierten Wort seinen Platz in der Öffentlichkeit zu sichern. Dabei bleibt unbestimmt, wer das reflektierte Wort führen darf, welche Mittel zu seiner Verbreitung zur Verfügung stehen sollen, wenn es die Kraft dazu aus sich selbst heraus nicht entwickelt.

Das öffentlich-rechtliche reflektierte Wort

Mit all diesen Erwägungen wird angenommen, dass ein gemeinsamer Grund für die Debatte gesellschaftlicher Inhalte entweder noch existiert, oder durch eine Willensanstrengung wiederhergestellt werden kann. Bei allen Zweifeln am derzeitigen Zustand der westlichen Gesellschaften und ihren Tugenden, scheinen die Ressourcen zumindest in Europa noch vorhanden zu sein.

Der öffentliche oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte gemeinsam mit Medienhäusern und -Plattformen ein Platz werden, an dem sich ein gemeinsamer Grund wieder konstituiert. Dazu muss es den Anstalten allerdings erst einmal gelingen, aus den medialen Freund-Feind-Schemata auszubrechen, die Chancen für das »reflektierte Wort« werden dadurch nicht unbedingt größer. Eher würden die für die einfahce, klare Sprache wachsen. Kürzlich hat eine Studie im Auftrag des ZDF-Verwaltungsrates die Möglichkeit diskutiert, eine eigene Plattform, »einen geschützten Raum« der Vielfalt zu etablieren, wie es in der Studie heißt. Daneben sollen öffentlich-rechtliche Infrastruktur, die Software sowie die Inhalte möglichst barrierefrei zur Verfügung gestellt werden.

Wenn man davon ausgeht, dass die öffentlich rechtlichen Inhalte ohnehin Allmende sind – weil von allen finanziert – könnte man weitergehen: Dann käme es nicht darauf an, die Allmende durch Inhalte und Dienstleistungen auszuweiten, sondern, ihre Nutzung besonders effektiv zu machen, ohne sie zu beschädigen oder zu zerstören. Das wäre der Fall, wenn zum Beispiel die ARD-Anstalten, das ZDF, der Deutschlandfunk ihre Inhalte offen zur Verfügung stellen würden, auch den Wettbewerbern. Anstatt sich mit Zeitungsverlagen und privaten Sendern und Plattformen gerichtlich auseinanderzusetzen, anstatt eine Deutungshoheit zu behaupten, die es längst nicht mehr gibt, könnten die Öffentlich-Rechtlichen ein Friedensangebot machen, und gleichzeitig mit daran arbeiten, ein gemeinsames Verständnis von Fakten, Wahrheit und Lüge zu entwickeln. Möglicherweise gäbe es dann auch für das reflektierte Wort einen neuen Resonanzraum. Nicht da, wo sein Versuch, gegen die anderen anzuschreien, regelmäßig scheitert, oder da, wo es sich überlegen und wenig wahrgenommen wähnt. Sondern dort, wo es wirklich zur Vernunft beiträgt.

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