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Der Bestand an Erinnerungsfeldern muss immer wieder neu sortiert werden Gedenken durch Diskurs

Der Bestand solcher Erinnerungsfelder wird tagtäglich neu sortiert, neu bepflanzt mit wieder hergestellter oder neu geschaffener Geschichte und mit Geschichten, die uns einmal mehr, einmal weniger aus dem Blick geraten, und die beanspruchen, für die gesamte Gemeinschaft zu gelten, der wir uns zugehörig fühlen: Familie, Heimat, Nation. Wir bepflanzen sie mit schönen oder grauenhaften Erinnerungen, gestalten Sie so, dass auch reflexive Narrative ihr Teil werden können, oder der Grund, aus dem neue erwachsen. Emotional aufgeladen, sind sie wirkmächtig im Kontext unseres Gemeinschaftslebens und laden uns dazu ein, sie zur Begründung von Politik zu machen.

Emotionale Kraft der Erinnerung

Wie rasch wurde die Erinnerung an das Fußball-Sommermärchen von 2006 zum Anstoß gewaltiger Anstrengungen von Politik und Gesellschaft, die Voraussetzungen für ein neues solches Märchen 2024 zu schaffen: es war einfach zu schön! Oder, das ist die erschütternde Kehrseite, wie leicht fiel es Milošević im Jahr 1989, die Überlieferung von der unrechten Niederlage der Serben im Jahr 1389 auf dem Amselfeld zu einem neuen Konflikt und letztlich zum Ausgangspunkt der Jugoslawienkriege der 90er Jahre zu machen. Oder, ganz anders, wir Menschen möchten den möglicherweise fatalen Folgen kollektiver Erinnerung vorbeugen – so appellierte Churchill in Zürich im Jahr 1946, die »Decke des Vergessens« über die Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu legen. 

Nichts zeigt besser als Schulbücher, Museen, Denkmäler und Gedenkveranstaltungen, wie staatliche Autorität den Bewuchs der kollektiven Erinnerungsfelder für die Begründung staatlichen Handelns einsetzen möchte. Nur so konnte »Nie wieder« zur »Staatsräson« werden, doch weil Robert Musils Beobachtung wohl zutrifft, dass das »Auffälligste an Denkmälern« sei, »dass man sie nicht bemerkt«, gibt es immer wieder neue Anstrengungen, unser gesellschaftliches Selbstverständnis durch Rituale und Erinnerungsstätten vor dem Verdorren zu schützen. Zeiten großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche motivieren solche Anstrengungen. Der Historikerstreit über die Bedeutung des Holocaust war ein Beispiel, heute ist es die politische Diskussion über die Migration, der Umgang mit der Vergangenheit der DDR, beziehungsweise der Unterschied zwischen »Ossis und Wessis«, neue Themen wie Rassismus und Kolonialismus kommen hinzu – unsere Gesellschaft durchlebt kontrovers gedachte Diskurse, sie ist intellektuell in Bewegung.

Offene Fragen

So taucht die Frage auf, ob denn der Platz, den die Schoah auf unserem gemeinsamen Erinnerungsfeld einnimmt, angemessen sei. Dass Deutsche Israel gegenüber immer die nicht nur moralische Pflicht empfinden, für die Schoah und ihre Folgen Verantwortung übernehmen zu müssen, ist selbstverständlich und richtig. Doch folgt man neueren Narrativen, scheint nun die Pflicht hinzuzukommen, als Teil des Westens gegenüber den Palästinensern für die Politik des selbstverständlich dem Westen zugerechneten angeblich kolonialistischen Israel auch einstehen zu müssen.  

Vor dem Hintergrund der Wahlergebnisse der AfD und des BSW in den östlichen Bundesländern fragt sich nun auch, welchen Platz denn der Unrechtsstaat der SED im kollektiven Gedächtnis heute und in Zukunft einnimmt. Und nachdem im letzten Jahrzehnt Rassismus in den USA und Kolonialismus in Frankreich und Großbritannien wieder neu öffentliche Themen geworden sind, stellen auch wir Deutsche uns darauf ein, mehr und mehr gestohlene Kunst an unsere ehemaligen Kolonien zurückzugeben.

»Entscheidend ist die nachhaltig wirksame Erinnerung an den öffentlichen Streit über die richtige Form des Gedenkens.«

Es gibt Staaten, die sich mit ähnlichen Fragen auseinanderzusetzen haben: osteuropäische Staaten mit der Zeit der Sowjetdiktatur, westeuropäische mit kolonialer Vergangenheit. Sollte es da nicht Modelle für den angemessenen Umgang mit unserer Erinnerung geben? Was tun Türken mit der Geschichte des Genozids an den Armeniern, was Amerikaner mit der Erinnerung an den Genozid an den einheimischen Bewohnern Nord- und Südamerikas? Hier ein Mahnmal, dort – in Istanbul – eines, das wieder abgerissen wurde, da – in Washington – ein Museum.

Bei aller Symbolkraft solcher Mahnmale, die auch sehr antagonisieren kann, entscheidend ist etwas anderes, nämlich die nachhaltig wirksame Erinnerung an den öffentlichen Streit über die richtige Form des Gedenkens. Sie ist es, die heute noch den Blick bestimmt, den andere auf die Türkei oder die USA werfen. Solche Auseinandersetzungen sind fast unvermeidlich und vor allem anderen: Sie sind fruchtbar für die Diskussion und die Formung nicht nur des Gedenkens. Sie sind fruchtbar auch für das Denken aus dem Erinnerungskultur wird, die Politik der Gegenwart, einschließlich der Erinnerungspolitik. Dies hat auch unsere öffentliche Diskussion um die Fragen gezeigt, die Claudia Roth mit ihrem Vorschlag begonnen hat, die Gedenkstättenkonzeption des Bundes um Kolonialismus, Einwanderungs- und Demokratiegeschichte zu erweitern. 

»Eine lebendige Diskussion ist bereits Erinnerungsarbeit auf dem großen Erinnerungsfeld unserer Gesellschaft.«

Nun, es gibt nicht nur diese Diskussion. Fruchtbar war auch unser Historikerstreit, fruchtbar war der Streit über die documenta fifteen. Was für ein gesellschaftliches Selbstverständnis daraus wird, werden wir noch sehen. Erst recht, was für eine Politik daraus wird. Aber jedenfalls sehen wir, dass eine lebendige Diskussion als solche bereits Erinnerungsarbeit auf dem großen Erinnerungsfeld unserer Gesellschaft ist. Ist sie also nicht tatsächlich das angemessenste Mittel, großen Unrechts und großen erlittenen Leids, und auch positiver Ausbrüche, zu gedenken und sie in gesellschaftliches Selbstverständnis und schließlich in Politik umzuwandeln? Es geht eben nicht nur darum, zu gedenken. Es geht eben nicht nur um Rituale und Symbolkraft. Und es geht beileibe nicht darum, wie gerade wieder debattiert, Vorschriften – oder gar »Förderrichtlinien« – zu erlassen, aus welchen Definitionen von Geschichte und Momenten der Erinnerung, aus welchen Narrativen der Boden bestehen muss, der diesen oder jenen Teil unseres gemeinsamen Erinnerungsfeldes bestimmt.

Sind Diskurse selbst nicht das, was eine Demokratie ausmacht? Sie ist eine Gemeinschaft, deren Erinnerungsfeld übersät ist mit reicher Vegetation aus leidvoller Geschichte und glücklichen Erinnerungen. Erinnerungsarbeit, die ständig prüft, wie es um die moralischen Implikationen der historischen Forschung steht, ist es, die in die Bildung der jungen Generationen immer wieder neu einfließt und damit immer wieder neue intellektuelle Auseinandersetzungen auslöst. Es sind solche Auseinandersetzungen, die wir als die eigentlichen Gedenkstätten betrachten sollten. Denn sie bleiben erhalten in den Köpfen und sie prägen unsere Gesellschaft – wenn wir denn darauf achten, dass sie fortgeführt, ja immer wieder neu begonnen werden. Wir brauchen keine musilschen Denkmäler, welcher Gestalt auch immer, um das zu leisten.

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