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picture alliance / Zoonar | Andrii Yalanskyi

Bücher über das Selbst zwischen Hoffnung und Enttäuschung Gefühlspolitik

Das schildert der SPD-Politiker und ehemalige Abgeordnete im Deutschen Bundestag Michael Roth in Zonen der Angst. Acht Jahre war er Staatsminister für Europa, später Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Sein Leidens- und Bekenntnisbuch offenbart, wie er bis an die Grenze des Aushalt-baren und darüber hinaus gegangen ist, psychisch krank wurde und sich aus der Politik verabschiedete.

Roth erzählt eine Überlebensgeschichte. Er analysiert den Politikbetrieb ebenso wie die eigene Verwundbarkeit. Er wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Verstörende Kindheits­erfahrungen wie die Alkoholkrankheit des Vaters, die zerbrochene Ehe der Eltern, die Zuflucht bei den beiden Großmüttern hat er massiv verdrängt. Der junge Abgeordnete machte die politische Ochsentour mit, die Arbeit in und für die Partei, das Engagement im Wahlkreis und seine politischen Ambitionen wurden für ihn zentral. Er lernt schnell, dass es nicht allein um Wahlerfolge und Expertise geht, sondern ums Netzwerken. Roth kann mit Menschen. Er hat anhaltenden Erfolg, seine Leidenschaft für die Europapolitik, seine Analyse- und Kommunikationsfähigkeit, seine öffentliche Wirksamkeit lassen ihn auf ein Ministeramt hoffen.

Schluss mit der Politik

Als der Krieg in Europa beginnt, drängen die Wurzeln seiner psychischen Erkrankung aus seiner Kindheit hervor: Es kommt zu Panikattacken. Ausgerechnet die heftigen politischen Kontroversen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 werden für den Außenpolitiker existenziell. Seine öffentlichen Einlassungen werden missbilligt, wird der innerparteiliche Umgang mit dem konsequent pro-ukrainischen Präsidiumsmitglied zunehmend kühl, schließlich »eisig«. Sein Plädoyer für die umfassende militärische Unterstützung des angegriffenen Landes macht ihn medial zwar interessant, zugleich aber immer stärker zum Außenseiter. Zuletzt verlassen ihn die Kräfte. Sein Zusammenbruch führt zu dem Entschluss, nach knapp 30 Jahren aus der Politik auszusteigen.

Nicht die politischen Macht- und Positionskämpfe, die aus seiner Sicht maßlose Kritik und die permanente öffentliche Präsenz allein hätten ihn krank gemacht, sondern die innere Wehrlosigkeit, die aus der Kindheit rührt. Roth hat therapeu­tische Hilfe und auch wieder Kraft gefunden. Zonen der Angst legt eine existenzielle Krise und den selbstbestimmten Abschied eines talentierten und sensiblen Menschen von der Politik offen und lehrt, wie emotionsgeladen und nur schwer aushaltbar politische Kämpfe sein können.

Daraus mag man schließen, dass alle Politik emotional sei und Politik hauptsächlich aus Gefühlspolitik bestehe. »Nicht nur die großen Zusammenhänge, sondern auch vermeintlich rein private Alltagsentscheidungen sind immer politisch«, Maren Urner in Radikal emotional. Wie Gefühle Politik machen. Urner, die Nachhaltige Transformation an der FH Münster lehrt, verficht die These der Feministin Carol Hanisch von 1969: »Als Menschen sind wir immer emotional« und fragt: »Welches Gefühl spürst du, wenn du den Wahnsinnskurs, auf dem sich die Menschheit aktuell befindet, auf dich wirken lässt?« Das durchgehende Duzen soll wohl ein Bündnis mit der Leserschaft suggerieren. Zur Lösung politischer Krisen empfiehlt Urner eine »neue Reifeprüfung für das 21. Jahrhundert«. Sie besteht aus drei Elementen: aus radikaler Aufmerksamkeit für die eigenen Emotionen, aus radikaler Ehrlichkeit in der zwischenmenschlichen Kommunikation sowie aus radikaler Verbundenheit. Wenn es gelänge, die »falschen Trennungen zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Privatem und Gesellschaftlichem, zwischen Mensch und Umwelt zu überwinden, können wir uns radikal verbunden fühlen.« Dieses weitschweifig-redundante Buch, eine Mischung aus Ratgeber und Klimabewegungs-Agitprop, lässt Kategorien und Analysen vermissen und einen daher einigermaßen fassungslos zurück.

So leicht sollte man es sich beim Nachdenken über den Zusammenhang von Politik und Emotion nicht machen. Neben der in Chicago lehrenden Philosophin Martha Nussbaum hat auch die Soziologin Eva Illouz in den letzten Jahren zu einer intensiven Aufklärung des Verhältnisses von Politik und Emotion beigetragen. Wie der gesellschaftliche Affekthaushalt überhaupt entsteht und sich wandelt und wie er gezielt zu nutzen wäre, reflektiert Nussbaum in Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Alles, selbstverständlich auch die Politik, sei von Emotionen durchzogen, argumentiert sie am Beispiel kollektiver Phänomene wie Patriotismus oder Nationalismus.

Diese Emotionen berührten die Liebe zu einem Kollektiv. Allerdings müssten sie gegenüber jenen austariert werden, die diesem nicht angehören. Nussbaum unterscheidet »negative« und »positive« Emotionen, sie ist überzeugt, dass positive Emotionen wie Mitgefühl und Verbundenheit eine gerechte Gesellschaft schaffen können: »Die Gesellschaft muss sich in ihrem Innersten eine stets neue Freude an der Welt und den Menschen bewahren können. Sie sollte Liebe und Freude dem Erwerb materieller Güter vorziehen, und sie sollte ständigem Fragen und Suchen den Vorrang vor tröstlichen fertigen Antworten geben.« Anhand einer Tour d’Horizon über Theorien der Emotionen und Beispielen aus Poesie und Musik plädiert Nussbaum für eine Art ausgleichendes Gefühlsmanagement, damit aus Wut- oder Frustbürgern wieder Mutbürger werden.

»Positive Emotionen können eine gerechte Gesellschaft schaffen.«

Doch sind »negative« Gefühle wie Neid, Gier und Hass überhaupt von »positiven« wie Mitgefühl und Altruismus zu trennen, wäre nicht auch die Unterscheidung in »starke« und »schwache« Gefühle (Claus Leggewie) hilfreich? Emotionen sind für Individuen konstitutiv und lebenserhaltend, aber gilt das gleichermaßen auch für Kollektive? Liebe und Mitgefühl seien ungeeignet, um politische Verbundenheit zu begründen, wendet die Soziologin Eva Illouz gegen Nussbaums psychologische Sicht auf Emotionen ein, weil »Emotionen nicht in gleicher Weise gut oder schlecht für die Gesellschaft sind, wie sie es für ein Individuum sind«. Emotionen, diese schnellen Reaktionen auf die Welt, bestimmen uns nicht nur als Person, sondern auch als Angehörige von Gruppen und Kulturen. Emotionen, so die in Jerusalem und Paris lehrende Soziologin Eva Illouz in Explosive Moderne, bildeten eine Kette von Ereignissen und Gefühlen zwischen Individuen und sozialen Strukturen: »Der Neid auf meine Nachbarin, die Furcht vor dem Fremden oder der Nationalstolz sind Weisen, die Schwelle zwischen meinem Selbst und der Welt zu errichten, auszuhandeln und aufrecht zu erhalten.« Gefühle verlängern also die Gesellschaft ins Selbst, sind zwischen äußerem und innerem Selbst angesiedelt.

Die liberale Gesellschaft weckt Hoffnungen und untergräbt sie zugleich. Furcht, Wut oder Verzweiflung gehören zu den zerstörerischen Implikationen moderner Lebensführung, so ist Neid eingebettet in die Konsumgesellschaft. Parteiische Nachrichten undSocial-Media-Blasen rufen Zorn hervor, Nationalismus weckt das Gefühl von Heimatlosigkeit oder von Nostalgie. Illouz zufolge ist die Moderne also keineswegs von Rationalität durchdrungen, sondern vielmehr explosiv, denn sie birst vor konflikthaften, spannungsgeladenen Wirkungen, hervorgerufen durch Konsumdominanz und wachsende Ungleichheit. Deshalb vermischen sich Enttäuschung, Neid, Zorn, Ressentiment und Furcht in jedem einzelnen zu einem emotionalen Unbehagen, einer Vielzahl von Ängsten. Zugleich ist es jedem einzelnen selbstverständlich, die eigenen Gefühle zu überwachen. Wir wollen unsere Emotionen fortwährend gestalten und kontrollieren. Dass Emotionen sozial determiniert und auf die Gesellschaft gerichtet sind, verdeutlicht Illouz in einer erhellenden Passage über den Zorn: »Im Zorn verteidigen wir die Regeln, nach denen wir behandelt werden sollten. So gesehen ist der Zorn eine zutiefst soziale Emotion.«

»Die Moderne ist keineswegs von Rationalität durchdrungen.«

Die uns bestimmenden Emotionen selbst sind uralt, allerdings mit aktuellem spin versehen – die Wutkreisläufe in den sozialen Medien oder das Unbehagen an negativen Gefühlen, wo uns doch ein gutes Leben zusteht. Trotz aller Versprechen von Freiheit und Wohlstand nisten sich Hoffnung, Stolz, Zorn, Neid, Enttäuschung ins Gefühlsleben ein. Die Sehnsüchte, die den Fantasien der Konsumkultur entstammen, Werbung und Medien versprechen den Menschen immer mehr von der Welt, die diese immer weniger einlösen kann. Deshalb wird die Wirklichkeit selbst als hochgradig emotional und als Abfolge emotionaler Ereignisse wahrgenommen, so Illouz’ Pointe zum allgegenwärtigen Affektivismus. Das moderne Selbst erlebt sich »zwischen dem Gefühl endloser Möglichkeiten und dem Eindruck hartnäckiger Beschränktheit, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen Ermächtigung und Selbstbezichtigung« .

Emotionen hängen von einem Selbst ab, das kulturell bestimmt ist. Illouz greift in ihrer Gefühlskunde deshalb auf literarische Texte zurück, die sie als paradigmatisch für Emotionslagen sieht. Enttäuschung interpretiert sie beispielsweise an der Protagonistin in Gustave Flauberts Madame Bovary: »Emma Bovary ist kennzeichnend für die Moderne, weil sich ihre innere Leere um eine große Menge massengefertigter Signifikanten dreht, die vor Emotionen und Erwartungen strotzen.« Unsere Verwundungen rühren von den mächtigen sozialen Kräften der Moderne her, lautet Illouz’ zentrale These. Sie fasst ihr »Unbehagen in der Gefühlskultur« in das Paradox, dass die meisten Emotionen soziale Bindungen zugleich fördern und unterminieren. Schwer auszuhalten, dieser Befund.

Eva Illouz: Explosive Moderne. Aus dem Englischen von Michael Adrian. Suhrkamp, Berlin 2024, 447 S., 16 €.

Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Suhrkamp, Berlin 2024 (2016), 634 S., 28 €.

Michael Roth: Zonen der Angst. Über Leben und Leidenschaft in der Politik. C.H. Beck, München 2025, 302 S., 26 €.

Maren Urner: Radikal emotional. Wie Gefühle Politik machen. Droemer, München 2024, 288 S., 22 €.

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