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Victor Klemperers Briefe Hoffen auf bessere Zeiten

Victor Klemperer, Sohn eines Rabbiners aus Landsberg an der Warthe, geboren 1881, aufgewachsen im Schatten erfolgreicher Brüder und seines berühmten Vetters, des Dirigenten Otto Klemperer, war ein besessener Jünger der Memoria, des Gedächtnisses. Er war es von Jugend an – schon mit 16 Jahren, im wilhelminischen Kaiserreich, führte er genauestens Buch über die Fakten und Erfahrungen, Gedanken und Gefühle seines Lebens. Und er hielt an dieser Gewohnheit zeitlebens fest, bis wenige Monate vor seinem Tod im Februar 1960, als die Hand dem Schwerkranken das Schreiben verwehrte – da war er 78 Jahre alt. Klemperers Tagebücher sind eine einzigartige Chronik des 20. Jahrhunderts bzw. seiner ersten sechs Jahrzehnte, wahrscheinlich das ergiebigste und zuverlässigste Lebensdokument, das ein einzelner Autor hinterlassen hat. So ist die umfangreiche Auswahl von Briefen Klemperers, die nun, herausgegeben von Nele Holdack und dem inzwischen verstorbenen Walter Nowojski, unter dem Titel Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen im Aufbau Verlag erschienen ist, eine willkommene Ergänzung.

In den Tagebüchern stellten die Notizen aus der Zeit des Dritten Reiches den dramatischen Höhepunkt dar. Sie bezeugten eindringlich wie kein anderes Dokument das Schicksal der Juden im nationalsozialistischen Deutschland, von ihrer Entrechtung und gesellschaftlichen Ausgrenzung bis hin zu Deportation und Vernichtung. Mit zahllosen mikroskopisch feinen Beobachtungen beschreiben sie den Alltag unter der braunen Diktatur, der in seiner Mischung aus Angst und Idylle, Grausamkeit und Banalität niemals vorher so peinlich genau Gestalt gewonnen hat wie hier. Vergleichbares wird man in Klemperers Briefen vergeblich suchen, vermutlich weil ihr Verfasser es nicht wagte, seine wachsende Vereinsamung und die täglichen Drangsalierungen der Post anzuvertrauen.

Allmähliche Erdrosselung

Klemperer war zunächst zwar nicht unmittelbar bedroht, da er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und mit einer »Arierin« verheiratet war. Aber schon bald nach der Machtübernahme der Nazis wurde er aus dem Beamtendienst entlassen, mit halbierten Bezügen, durfte zunächst den Lesesaal, später generell die Bibliothek der Hochschule nicht mehr benutzen. Er sei nahe daran gewesen, »beinahe ein kleines großes Tier« zu werden, »von dem die neuesten Auflagen der Meyer und Brockhaus Notiz nahmen«. Aber dann beginnen sich ihm auch die Publikationsmöglichkeiten mehr und mehr zu verschließen. Nachdem er den ersten Band seiner französischen Literaturgeschichte abgeschlossen hat, schreibt er: »Dieser Band hat mich an reiner Schreibzeit fast zwei, mit den Vorarbeiten drei Jahre gekostet (…) Gar zu gern würde ich noch den Druck erleben, in meinem Vaterland und in meiner Muttersprache.« Darauf muss er noch volle zwei Jahrzehnte warten.

Die Anschaffung eines Autos brachte äußerlich etwas Erleichterung, ermöglichte kleine Reisen und neue Begegnungen. Die Schilderung dieser Ausflüge nimmt in den Briefen überraschend viel Raum ein, Klemperer schreibt darüber mit einer Beharrlichkeit und Begeisterung, die das Kompensatorische dieser Art von Ersatzbefriedigung nicht verbergen kann. Dann wird ein Fahrverbot für Juden verhängt, und der Leidensprozess verschärft sich in einer so demütigenden und bedrohlichen Weise, dass er einer allmählichen Erdrosselung gleichkommt.

»… daß ich absolut deutsch bin«

Gleichwohl enthalten die Briefe, wie zuvor schon die Tagebücher, eine erstaunliche Häufung deutscher und deutschnationaler Motive. Direkt nach dem Beginn des nationalsozialistischen Regimes versucht Klemperer geradezu verzweifelt, an seinem Deutschtum festzuhalten, um nicht sein ganzes Leben widerrufen zu müssen. Im Januar 1934 schreibt er an den Bruder Georg von seiner Überzeugung, »daß ich ganz und gar und ausschließlich nach Deutschland gehöre, daß ich absolut deutsch bin. Niemand kann mir das bestreiten, niemand kann das allergeringste daran ändern.« Er war ein deutscher Bildungsbürger, ein Verehrer Gotthold Ephraim Lessings, Friedrich Schillers und Johann Wolfgang von Goethes, und selbst unter den Ausbrüchen wildester Barbarei suchte er an diesem Erbe festzuhalten: »Aber was machen wir aus unserm Deutschtum, wenn uns dessen maßgebende Vertreter täglich erklären, daß wir in einem anmaßlichen Irrtum sind, wenn wir uns für deutsch halten? (…) Es ist ein geringer Trost, die großen Deutschen der Vergangenheit und hoffentlich der Zukunft zu zitieren; die heut lebenden nichtarischen Deutschen, die ihre deutsche Seele nicht verleugnen wollen, haben ein hartes Schicksal! Wir wollen es mit Würde tragen« (22.1.1934). Dass die deutsch-jüdische Symbiose, auf die er gehofft und an der er mitgewirkt hatte, am 30. Januar 1933 widerrufen worden war, wollte Klemperer sich selbst unter den Schlägen der Gestapo nicht eingestehen. Trotz aller Schreckenserfahrung zögerte er an der Schwelle zu dieser Einsicht.

Unterdessen traten Rechtsbruch, völkische Gesinnung und nackte Gewalt immer unverhüllter hervor: im Herbst 1935 mit den Nürnberger Rassegesetzen, vollends mit dem Novemberpogrom in der »Reichskristallnacht«. Auf die Klemperers wirkte er als Schock. Sie, die sich bis dahin mehr oder weniger passiv in ihr Schicksal gefügt hatten, erwogen jetzt zum ersten Mal die Möglichkeit einer Emigration. In einem Brief vom 28. November 1938 heißt es: »Ich nehme jeden Posten in jedem Erdteil und jedem Lande ein, der meine Frau und mich ernährt. Wenn es keine Hochschule ist, dann etwa ein College, wenn kein College, dann eine Mittelschule oder Elementarschule.« Das scheint von akuter Angst diktiert. Nur müssen die Klemperers jetzt die Erfahrung machen, dass das, was sie in Deutschland einstweilen vor der schlimmsten Verfolgung geschützt hat, sich bei der Emigration als Hindernis erweist: »Ich selbst bin Protestant, meine Frau ist arisch, so dass ich also bei den spezifisch jüdischen Hilfsorganisationen kaum Hilfe finde.« (8.1.1939) Wenige Tage später heißt es: »Wir wären wahrhaftig für jeden Strahl der göttlichen Gnade dankbar, einerlei, ob er durch ein Synagogenfenster oder Kirchenfenster fiele«.

Ehrgeiz und Müdigkeit des Herzens

Als das Dritte Reich vorbei, sein Schrecken gebannt und das nackte Leben gerettet war, kehrte Victor Klemperer im Juni 1945, nun 64 Jahre alt, zusammen mit seiner Frau Eva in ihr Haus in Dölzschen bei Dresden zurück. Das vierte und letzte große Kapitel in seinem Leben begann: die Altersexistenz in der DDR als angesehener Hochschullehrer und Mitglied der Einheitspartei – Klemperer sah in ihr »das kleinere Übel«, ohne wirklich an den Wert der Dinge zu glauben, für die er öffentlich eintrat. Auch jetzt war er wieder orientierungslos, saß politisch zwischen allen Stühlen: »ich selber bin schwer angeschlagenen Herzens, komme mir oft wie ein Gespenst vor, das nur aus Versehen und auf Abruf hier herumläuft«, schreibt er im Februar 1949 an den Münchner Romanistik-Professor Karl Vossler. Seine Anpassungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft verschafften ihm manchen Erfolg und vielfache Ehrungen, nach denen er begierig blieb wie in den frühesten Tagen. Seine Bücher wurden endlich gedruckt, darunter die große Geschichte der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts, aber als Romanist blieb Klemperer, trotz seiner Kollegs in Halle und Berlin, trotz seiner rastlosen Vortragstätigkeit, die ewige Nummer Zwei hinter seinem berühmteren Kollegen Werner Krauss in Leipzig. Das war eine bleibende Wunde. Ein spätes Glück fand er, nach dem Tod seiner ersten Frau Eva, in der Ehe mit der um mehrere Jahrzehnte jüngeren Studentin Hadwig Kirchner. In der Zerrissenheit zwischen Politik und Wissenschaft, Zugehörigkeitswunsch und Freiheitsverlangen, ernsthafter Arbeit und Geltungsdrang wuchsen bei Klemperer immer stärker »die Müdigkeit des Herzens« und das »Gefühl der Vanitas«. Auf einer Reise zum Internationalen Romanistenkongress in Lissabon traf ihn im März 1959 ein schwerer Herzanfall, der einen längeren Krankenhausaufenthalt erzwang. Sein letzter Brief an die Freundin und Kollegin Rita Schober wurde drei Wochen vor seinem Tod geschrieben; darin heißt es: »Daß wir wieder Hoffnung haben, geht aus der Anschaffung des großen Wolga-Fünfsitzers hervor. Ich hoffe mit Hadwigs Hilfe die Herausgabe meiner früheren Opera beenden zu können und vielleicht sogar noch zu einer wirklich aktiven neuen Tätigkeit für ein paar Jahre zu kommen.«

Victor Klemperer: Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen. Ein Leben in Briefen (Hg. von Walter Nowojski und Nele Holdack), Aufbau, Berlin 2017, 640 S., 28 €.

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