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Zum 200. Geburtstag von Herman Melville »I would prefer not to«

Herman Melville gehört zu den Schriftstellern, deren besonderer, weltweiter Ruhm sich auf ein einziges Buch gründet, in seinem Fall auf den Roman vom weißen Wal Moby Dick. Dieses Schicksal teilt er mit einigen anderen großen Autoren, etwa Cervantes und Iwan Gontscharow, die als Verfasser des Don Quijote und des Oblomow Berühmtheit erlangten, während ihre anderen Bücher, obwohl sich darunter Meisterwerke befinden, nur ein schattenhaftes Dasein führen.

Moby Dick gehört zu jener Art von Büchern, die auch Menschen, die der Literatur eher fernstehen, wenigstens dem Titel nach bekannt sind. Es hat längst begonnen, ein Eigenleben zu führen, und ist in gewisser Weise über das Rein-Literarische hinausgewachsen. Andererseits bleibt es dem Missverständnis ausgesetzt, für ein bloßes Abenteuer- oder Walfangbuch gehalten zu werden, oder schlimmer noch, für ein sogenanntes »Jugendbuch«, das keinen weiteren Blick mehr lohnt, wenn man erst einmal aus diesem Alter herausgewachsen ist. Welch ein Unglück für die großen Bücher, wenn sie ihren Lesern zu früh begegnen! Ein Unglück auch für die Leser! Die meisten werden ihr früh gefasstes Urteil oder Vorurteil nie mehr korrigieren und sich um eine der großartigsten Erfahrungen bringen, die man als Leser machen kann.

Moby-Dick; or, The Whale., wie das Buch im amerikanischen Original heißt, gehört zu den Werken, die nach einer schwer erklärbaren Gesetzmäßigkeit immer weiter wachsen und prinzipiell nicht auszulesen sind. Statt das hier weitläufig zu begründen, sei lieber Jorge Luis Borges, der große argentinische Schriftsteller, zitiert, der Moby Dick einen »unendlichen Roman« nannte. Er fügte hinzu: »Seite für Seite wird der Text gewaltiger, bis er den Umfang des Kosmos einnimmt.«

Unmöglich, dem großen Buch auf knappem Raum gerecht zu werden. Es muss genügen, für einige Augenblicke in diesen Textozean hinabzutauchen. Vor allem muss man die Protagonisten in Augenschein nehmen und sich auf ihren schrecklichen Zweikampf vorbereiten, den Zweikampf zwischen Kapitän Ahab und dem weißen Wal. Ahab hegt ein wildes Rachegefühl gegen den weißen Wal, der ihm einst ein Bein weggerissen hat. Aber erst im 36. Kapitel offenbart er der Mannschaft die Jagd auf Moby Dick als das geheime Ziel ihrer Fahrt, wenn er die Harpuniere in heidnischer Weise die Lanzen kreuzen und sie schwören lässt, Moby Dick zu Tode zu hetzen. Sein Gegenspieler, der weiße Wal, verkörpert mit Melvilles Worten »die Wunder und Schrecken Gottes«. Aber »verkörpern« ist ein etwas schematisches Wort. Der englische Schriftsteller D. H. Lawrence schrieb: »Natürlich ist Moby Dick ein Symbol. Wofür? Ich bezweifle, dass Melville es selbst genau wusste. Das ist das Beste daran.«

In Kenntnis des Romans fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Ahab in Melvilles ersten Entwürfen noch nicht vorgesehen war. Denn er bildet ohne Zweifel das Kraftzentrum des Buches. Faust, Prometheus, Luzifer, auch byronsche Helden haben diese Gestalt mitgeprägt, die den Namen eines verfluchten Königs in Israel und Baal-Götzendieners trägt. Melville ist bemüht gewesen, Ahab sowohl gottlos als auch gottähnlich erscheinen zu lassen. Er schließt einen Teufelspakt, wenn er die Golddublone an den Mast nagelt, das sonnenähnlich gleißende Sinnbild der bösen Jagd; er tauft die Harpune, die Moby Dick treffen und töten soll, mit dem Blut der heidnischen Harpuniere und spricht dazu die Worte: »Ich taufe dich nicht im Namen des Vaters, sondern im Namen des Teufels.«

Melville wusste, dass der Walfang, für sich genommen, einer romanhaften Behandlung widerstrebt. Deswegen ist die Kunst, mit der es ihm gelang, das walkundliche Wissen seiner Zeit in lebendigen Erzählstoff umzuschmelzen, nicht hoch genug zu bewundern. Worüber er auch schreibt, über den Kopf des Wals, seinen Schwanz oder die Fontäne, über das Abspecken oder »wie man Öl in Fässer füllt« – stets wird die Schilderung zum homerischen Gesang. Gerade die exakte Beschreibung des Wals und seiner Lebensform lässt seine elementare Natur nur umso rätselhafter erscheinen. Wissenschaftliche Genauigkeit und Mythologie scheinen einander zu bedingen. So reißt Moby Dick die größten und weitesten Perspektiven auf – der Leviathan der Literatur.

Im Schatten von Moby Dick

Heute ist es schwer vorstellbar, dass Moby Dick jahrzehntelang ein vergessenes Buch war. Mit ihm begann Melvilles Abstieg in die Namenlosigkeit. Sechs Jahre später – er war erst 38 Jahre alt – veröffentlichte er seinen letzten Roman The Confidence-Man. In den folgenden 34 Jahren hat er keine weiteren Bücher mehr publiziert, ausgenommen das Versepos Clarel über eine Pilgerreise ins Heilige Land, gedruckt in nur 300 Exemplaren, die größtenteils eingestampft wurden. Dennoch konnte er vom Schreiben nicht lassen, und der »grauenvolle Inkubus der Literatur« lastete nach dem Zeugnis seiner Frau noch immer schwer auf ihm. Er starb 1891, 72 Jahre alt, als Schriftsteller völlig vergessen. Kein Kollege hielt ihm die Totenrede. Die New York Times erinnerte zwar in einem kurzen Nachruf an sein Erstlingswerk Typee, aber sie nannte als Verfasser einen gewissen »Hiram« Melville. Sonst nahm man weder diesseits noch jenseits des Atlantiks Notiz vom Tod des möglicherweise größten Schriftstellers, den Amerika hervorgebracht hat. Im Fegefeuer der Vergessenheit verblieb Melville auch in den folgenden 30 Jahren. Die Encyclopædia Britannica von 1911 erwähnt ihn lediglich als Chronisten des Seemannslebens, während die wichtigsten Literaturgeschichten dieser Zeit ihn völlig übergehen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg tauchte Moby Dick langsam aus den Tiefen des literarischen Ozeans wieder auf, darin den großen Walen vergleichbar, die einige Zeit in solche Tiefen hinabtauchen können. Allerdings mit dem paradoxen Ergebnis, dass das übrige Werk Melvilles vom wachsenden Ruhm dieses Buches an den Rand gedrängt wurde. Wer kennt schon seine anderen Romane: Mardi, Redburn, White Jacket, Pierre, Israel Potter und The Confidence-Man?

Dabei sind auch diese Bücher unbedingt lesenswert und einige seiner Erzählungen große, auf ihre Art vollkommene Meisterwerke. Etwa Billy Budd, die späte Erzählung, geschrieben in Melvilles Todesjahr. Man fand das Manuskript in einem Brotkasten, und es dauerte noch mehr als drei Jahrzehnte, bis es 1924 endlich gedruckt wurde. Thomas Mann hat Billy Budd kurz vor seinem Tod in einem Sammelband mit dem Titel Die schönsten Erzählungen der Welt gelesen und in der allerletzten Arbeit, die er noch abschließen konnte, darüber bemerkt: »Wenn man mich fragt, wo in dem Bande ich am längsten verweilt, wobei mir das Herz am größten wurde, so gestehe ich die Modernität meines Geschmackes und antworte: Bei Billy Budd. Wie schön ist das, wie ergreifend – meisterhaft, heiter-ernst, männlich-rein, unerbittlich und zugleich poetisch-versöhnend!« Thomas Mann fügte hinzu, Billy Budd sei wirklich eine der »schönsten Erzählungen der Welt«.

Es gibt bei Melville aber noch anderes zu entdecken. Da ist zum Beispiel die Erzählung Benito Cereno, die von einem Seeabenteuer vor der chilenischen Küste berichtet. Ein vielschichtiges, geheimnisvolles, überaus spannendes Werk. Man kann es als Allegorie der damals aktuellen Sklavenfrage deuten oder als symbolische Darstellung eines Grundkonflikts der Neuzeit, zwischen Alter und Neuer Welt, zwischen Europa und Amerika.

Weiter erwähnt seien die Encantadas – eine geheimnisvolle Erzählung oder Reiseschilderung oder poetische Reportage (keine Bezeichnung will hier so recht passen), die von einer Inselgruppe im Pazifik handelt, die von den Spaniern »Las Encantadas« genannt wurde, die »Verzauberten«. Gemeint ist der Galapagos-Archipel mit seinen vulkanischen Wüsteneien und der archaischen Tierwelt der Riesenschildkröten. Melvilles Erzählung ist ein Meisterwerk gedrängter Prosakunst, das den Leser mit magischem Zauber umspinnt, in Traum und Trance versetzt. Es gibt nichts Großartigeres in dieser Art von Literatur, die man heute vielleicht Ethnopoesie nennen würde. Zuletzt sei eine Erzählung genannt, die Melvilles zukunftsreichste ist: Bartleby, the Scrivener. Sie ist nicht mehr ganz so unbekannt wie die zuvor genannten Werke und sogar von einer Art Geheimruhm umgeben. Die Literaturgeschichten erwähnen sie als »Schlüsselerzählung der frühen Moderne, die bereits auf Kafka vorausweist«. Solche Formeln haben leicht etwas Einschüchterndes. Gemeint ist wohl, dass man Bartleby, the Scrivener heute mit größerem Interesse liest als zur Entstehungszeit.

Das Rätsel Bartleby

Ungewöhnlich für Melville ist der Untertitel: »Eine Geschichte von der Wall Street«. Sie spielt in der Geschäftswelt New Yorks, die sich damals allmählich herauszubilden begann. In diese Welt tritt Bartleby als Lohnschreiber im Büro eines Anwalts ein, »bläßlich adrett, bemitleidens­wert anständig, rettungslos verloren«. Anfangs erledigt er ein ungeheures Pensum an Schreibarbeit, aber er betreibt sein Geschäft bleich und mechanisch. Eines Tages erlebt der Anwalt eine unliebsame Überraschung, als er Bartleby herbeiruft, um Schriftstücke vergleichend durchzusehen. Der Schreiber verweigert die Arbeit mit dem enigmatischem Satz: »I would prefer not to.« (Ich möchte lieber nicht). Man spürt, dass in dieser Formel, so sanft sie daherkommt, etwas Entschiedenes, Entschlossenes liegt, nicht zuletzt etwas Entwaffnendes. Bartlebys Verweigerung hat weder ein klar erkennbares Motiv noch ein greifbares Ziel. Als er nach den Gründen gefragt wird, antwortet er: »Sehen Sie den Grund nicht selbst?« Er macht sich ungreifbar, unzugänglich, nicht nur für seinen Chef, sondern auch für den Leser, gewinnt den Umriss einer Kafka-Figur.

Jorge Luis Borges schrieb, »dass jeder Schriftsteller seine Vorläufer erschafft«. Das heißt, während Melvilles Zeitgenossen wenig mit der Erzählung anzufangen wussten, lesen wir sie heute mit Kafka-geschulten Augen. Erst nach 100 Jahren wurde sie wiederentdeckt, in andere Sprachen übersetzt, nach tieferen Bedeutungen durchforscht und im Übermaß interpretiert: mal als Beschreibung der modernen Arbeitswelt, mal als existenzialistische Parabel, mal als Studie über den Künstler in der modernen Gesellschaft. Für alle diese Deutungen bietet Melvilles Text eine Reihe von Anhaltspunkten.

Aber große Literatur lässt sich nicht auf Bedeutungen reduzieren, sie verändert sich je nach Beleuchtung und Zeit, sogar von Leser zu Leser. Borges meinte, Melvilles Erzählung münde in die Erkenntnis, dass die Irrationalität eines einzigen Menschen ausreiche, um das ganze Universum irrational zu machen. Was Bartleby betrifft, so ist er zwar rätselhaft, aber nicht irrational. Blass und bleich hat er seinen ersten Auftritt. Still und beinahe vegetativ beschließt er im Gefängnis seine Tage, ohne dass eine Schuld vorliegt, die seine Ausstoßung rechtfertigen könnte. Er entschließt sich, nicht zu wollen oder nicht mehr zu wollen, herauszutreten aus dem Kreislauf der kleineren und größeren Systeme, die unser Leben regeln, in denen wir uns aus Gewohnheit bewegen oder denen wir uns angepasst haben. Er weigert sich, in diesem Kreislauf mitzulaufen und drückt diese Weigerung höflich mit der Formel aus: »I would prefer not to«. Es ist nicht viel nötig für einen Menschen, um seinen Platz im Universum einzubüßen.

Literatur zum Thema: Herman Melville: Typee (aus dem Amerikanischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann). Mare, Hamburg 2019, 448 S., 38 €.Herman Melville: John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken (aus dem Amerikanischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann). Mare, Hamburg 2013, 184 S., 24 €.Herman Melville: Mardi und eine Reise dorthin (aus dem Amerikanischen von Rainer G. Schmidt). Manesse, München 2019, 832 S., 45 €.Herman Melville: Bartleby, der Schreiber (aus dem Amerikanischen von Jürgen Krug). Insel, Berlin 2019, 88 S., 14 €.Owen Chase: Tage des Grauens und der Verzweiflung (hg., übersetzt und mit einem Nachwort von Michael Klein). Morio, Halle 2019, 208 S., 20 €.

Kommentare (1)

  • Nowak B.
    Nowak B.
    am 01.05.2022
    Diese Beschreibung ist so schön wie Melvilles Texte!
    Wunderbar.

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