2025 werden zwei Jahrestage für Albert Schweitzer (1875–1965) begangen. Wie wurde der weise Weiße mit seinem Spital in Afrika so wichtig für die Bundesrepublik der Nachkriegsjahre?
»Opa war kein Nazi«. Der Ausspruch repräsentiert die Wunschfantasie, der Nationalsozialismus, so verbreitet er war, sei keinesfalls in der eigenen Familie zu finden. Formuliert wurde diese entlastende Fantasie, als die Aufklärung über den Nationalsozialismus fortgeschritten war, ein, zwei Generationen nach 1945. Daher lautet der Spruch auch nicht: »Vati war kein Nazi.« Damals, als die Väter Nazis gewesen waren, konnten gerade Großväter oft als unbelastet gelten. Extrem kontaminiert vom Faschismus waren in der Regel die Erwachsenen im Arbeitsalter, unter ihnen Tausende Täterinnen und Täter. Alle mussten mit Scham, Schuld, Groll und Angst umgehen, ihre Autorität hatten sie verloren. Alexander und Margarete Mitscherlich haben in Die Unfähigkeit zu trauern darauf hingewiesen, dass die Bundesrepublik der Nachkriegsjahre für ihre Autoritätsfiguren auf die Generation der Großväter zurückgriff, etwa mit Konrad Adenauer.
Der kulturell einflussreichste »Großvater« jener Jahre dürfte Albert Schweitzer gewesen sein. Anerkennend befand Adenauer 1957: »Was Albert Schweitzer sagte, wurde von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung als eine Art Evangelium hingenommen.« Der elsässische Theologe und Mediziner Schweitzer, genau wie Adenauer 1875 geboren, war kurz vor dem Ersten Weltkrieg als Arzt nach Zentralafrika gegangen, in den Regenwald des heutigen Gabun. Dort hatte Schweitzer mit Spenden eine Buschklinik aufgebaut, der er den Namen des nahegelegenen Ortes Lambarene gab. Neben philosophischen und theologischen Werken publizierte Schweitzer früh gut zugängliche Bücher über sein Wirken in Afrika, darunter schon 1923 den Bestseller Zwischen Wasser und Urwald. Nach 1949 wurden Schweitzers Afrikabücher hunderttausendfach nachgedruckt, millionenfach reproduziert wurde die Erzählung seiner Sühneleistung für die leidenden Schwarzen. Biographien erschienen, Kinderbücher, Schulbuchtexte, Bildbände, Pressebeiträge. 171 Schulen wurden nach Schweitzer benannt, und mehr Straßen nach ihm als nach Adenauer.
Autorität des Guten
Albert Schweitzer war das moralische Angebot einer Elterngeneration an die Kinder, und als verkörperte Autorität des Guten konnte er auch wirken wie ein Übergangsobjekt der Deutschen zwischen Diktatur und Demokratie. In seiner Eröffnungsrede zu den Nürnberger Prozessen hatte der amerikanische Chefankläger Robert Jackson 1945 erklärt, die wahre Anklägerin sei die Zivilisation. Als das Ausmaß der Verbrechen der ganzen Welt bekannt wurde, fand sich die deutsche Bevölkerung auf der Flucht vor dem eigenen Wissen und Gewissen. Zwischen Schutthalden und Brachen lag auch das Selbstbild in Trümmern.
»1945 lag zwischen Schutthalden und Brachen auch das Selbstbildnis in Trümmern.«
Als tröstliche Ablenkung beliebt wurden Heimatfilme, Försteridyllen und Bergromanzen, oder exotische Stoffe, die in die Ferne entführten. Wie ein Amalgam aus diesen Genres wanderte die Erzählung vom orgelspielenden Urwalddoktor in den Nachkriegsdschungel ein. Der Schweitzer-Biograf Werner Picht staunte 1960: »Lambarene ist zu einer Art Zauberformel geworden, die Herzen öffnet, an der Welt Verzweifelte mit Zutrauen erfüllt, Fremde zu Freunden macht.«
Ehrfurcht vor dem Leben
Diese magische Transformation von »Lambarene« hatte sich in Etappen ereignet. Nach 1945 wurden zunächst vermehrt Schweitzers Sentenzen zitiert, etwa sein Leitmotiv der »Ehrfurcht vor dem Leben« oder sein Diktum: »Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.« Das sog eine Gesellschaft auf, in der vor kurzem noch das Morden normativ legitimiert war. Auch einflussreichen Amerikanern fiel Schweitzer auf, als es im Kalten Krieg darum ging, die Germans in besseres Licht zu rücken. 1949 luden sie Schweitzer als Hauptredner für ein Goethe-Festival nach Aspen, Colorado ein. Der »Jungle Saint« schien der ideale Repräsentant für eine Werbekampagne. Sie wirkte, und Amerikas Öffentlichkeit war begeistert.
Die Kunde davon, dass die Alliierten einen »guten Deutschen« feierten, drang auch zurück nach Deutschland, und weckte die Erinnerung an Schweitzer als Goethepreisträger von 1928. Er hatte damals erklärt, Goethe habe »im dumpfen Urwald als lächelnder Tröster« neben ihm gestanden, und die Preisurkunde hatte die »faustischen Wandlungen« von Schweitzers Leben betont, das »abendländische Ringen um die Erfüllung der mit der Zivilisation gesetzten Gewissensaufgaben.« Das passte nun perfekt, da der Rückgriff auf die Klassiker als Garanten von Kontinuität Bedeutung bekam, und ein wahrer Goethekult eingesetzt hatte. Ernst Beutler, Direktor des im März 1944 im Bombenschutt versunkenen Goethehauses in Frankfurt am Main, hatte Ende April 1949 an Schweitzer geschrieben: »Wenn ich ganz mutlos werde, denke ich an Lambarene; und dann geht’s wieder. Unser Volk braucht nämlich Stätten der Stille, der Besinnung, der Befriedung, des geistigen Gewichts und der seelischen Reinheit.«
Lichtgestalt der Zivilisation
Lambarene bot Ablasshandel.Tausendfach sammelten Vereine, Gemeinden, Schulklassen für »die armen Schwarzen in Lambarene«. Erst recht im Wirtschaftswunder (»Steht uns das eigentlich zu?!«) verlangten Racheangst und Strafbedürfnis nach Sühne und Buße. Für die schwarzen Schafe der Epoche lenkte die Lambarene-Kollekte das Bewusstsein fort von ihren jüdischen Opfern. So waren Spenden für Lambarene verschobene Wiedergutmachung, ohne dass die Verschiebung ins Bewusstsein rückte. Almosen an das ferne, exotische »Afrika« versicherten den Gebenden zudem: Wir sind nicht länger Empfänger alliierter Wohltaten, wir sind wohlhabend genug, andere zu Empfängern zu machen.
Zur Stätte der Hoffnung mutierte Lambarene für viele, während eine wachsende Produktion an Texten und Bildern in Gang kam. Man las, sah, wie Schweitzer sich in Afrika um kranke Schwarze sorgte, Antilopen liebkoste, Pelikane fütterte oder Plantagen beaufsichtigte. Lambarene stand für eine Oase der Heilung, und 1952 kulminierte Schweitzers Ruf als Lichtgestalt der Zivilisation im Nobelpreis für Frieden. In der Bundesrepublik verdankte sich der Enthusiasmus für »Lambarene« besonders anziehenden Facetten der Erzählung, die sich um Ort und Mann entspann. Es lohnt, sie zu beleuchten.
Legitimierte Asymmetrie
Berühmt war Schweitzer Aussage, die Afrikaner seien zwar seine Brüder, er sei jedoch der ältere Bruder. Das Setting von Lambarene, getränkt von benignem Rassismus, legitimierte die Asymmetrie zwischen Weiß und Schwarz, Arzt und Patient, »zivilisiert« und »wild«. Fotografien, die leidende Afrikaner im Spital auf hölzernen Pritschen und in primitiven Baracken zeigen, ähneln teils gespenstisch Bildern aus Konzentrationslagern. Aber hier kehrt sich alles um. Die Insassen kommen freiwillig, sie suchen Heilung, sie erfahren Linderung, und die Bilder vom »guten Lager« können sich bei Rezipienten wirksam über die anderen gelegt haben. Sie konnten sich unbewusst mit den Heilung Suchenden identifizieren und auch mit dem mächtigen Mann, der heilte.
»Lambarene stand für eine Oase der Heilung.«
Die Niederlage war auch das Ende gigantischer Kolonialfantasien. Gestern hatte man »Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!« gesungen, heute war man selber kolonisiert. Staatliche Souveränität war aufgehoben, es gab bis 1949 keine Hymne, keine Flagge. Deutsche Handelsschiffe fuhren unter dem Wimpel für »C« aus dem Flaggenalphabet, was für »Capitulation« gestanden haben soll. In einem bitteren Schlager bezeichneten sich die Bewohner der westalliierten Zonen als »Die Eingeborenen von Trizonesien.« Schweitzer sprach von Sühneleistung, ja, aber da ging es um das Leid in Kolonien der Franzosen oder Briten, um Sünden der Alliierten. Lambarene hingegen ließ sich als deutsche Miniaturkolonie auffassen, in der alles dem Guten diente.
Inbegriff des selbstlosen Arztes
Schweitzer war kein Emigrant.Er lebte zwar weit weg, war aber kein fahnenflüchtiger Verräter, wie Thomas Mann oder Willy Brandt. Auch wenn der Elsässer Schweitzer seit 1919 einen französischen Pass hatte, er galt als einer von uns, liebte Goethe, war mit Cosima Wagner befreundet, spielte Bach auf der Orgel. Nie kritisierte er öffentlich das »Dritte Reich«, sondern sprach pauschal von der Krise des Abendlands – was für das Spendensammeln in Deutschland allemal günstiger war.
Kaum ein Etikett war zu klein für das »Genie der Menschlichkeit«, und eine Serie der Illustrierten REVUE Mitte der 1950er Jahre warb mit dem Titel »Arzt eines kranken Jahrhunderts«. Als Inbegriff des selbstlosen Arztes half Schweitzer auch mit bei der Rehabilitierung der deutschen Mediziner, die, wie die Nürnberger Ärzteprozesse zeigten, durch ihre entsetzliche Rolle im »Dritten Reich« kompromittiert worden waren. Schweitzer war berühmt dafür, dass er zahme Tiere frei durchs pittoreske Spitalgelände streifen ließ, und gelegentlich wurde das Tropenspital mit dem Garten Eden verglichen. Kindern gefielen die Geschichten vom verwaisten Affenbaby oder vom frechen Pelikan des Urwalddoktors, mit Waisentieren konnten nicht nur Kriegswaisen gut mitfühlen. Außerdem lebten Kinder mit der tabuisierten Ahnung, dass Erwachsene Verbrecher waren. So wurde »der Urwalddoktor« zum Wunschvater, Hunderttausende schrieben ihm Briefe, wie 1956 die Schülerin Renate, deren Vorbild er war, »weil ich glaube, dass ich Ihnen trauen darf.«
Albert Schweizer half bei der Rehabilitierung der deutschen Mediziner.
Schweitzer schildert Lambarene als nie endende Baustelle. Albert Schweitzer baut Lambarene war ein ab 1957 tausendfach aufgelegter Bildband, der den alten Mann als Bauleiter feierte, und Deutschland im Wiederaufbau anfeuern konnte. Nicht Krieg, sondern Regen und Termiten zerstören die Bauten in Lambarene, die motivierenden Szenen sind unbelastet.
Warnung vor dem Atomkrieg
Ihre Apotheose fand Schweitzers Stimme beim Thema atomare Aufrüstung. Von Albert Einstein gedrängt hatte der 82-jährige im April 1957 über Radio Oslo einen »Appell an die Menschheit« gerichtet, den weltweit mehr als hundert Radiosender ausstrahlten. Mit wachsender Kritik am Kolonialismus kam ein kritischer Klang auch in die Rezeption von Schweitzer. 1960 urteilte Der Spiegel in einer Titelgeschichte zu Schweitzer, er diene »der westlichen Welt als fleischgewordenes Alibi«, um den Kolonialismus zu sühnen und Europas Humanität zu erneuern. Verklungen war seine Stimme jedoch nicht, und gerade die Warnung vor dem Atomkrieg ließ sich in antiamerikanischen Milieus von rechts bis links verwenden. Noch 1964 stellten Gudrun Ensslin und Bernward Vesper ihrem Sammelband gegen Atomwaffen ein Zitat von Schweitzer voran.
Mit Schweitzers Tod 1965 ebbte die Welle des Enthusiasmus fast abrupt ab. Eine neue, politisch weniger naive Phase hatte sich vorbereitet und brach an. Rückblickend bietet die Schweitzer-Rezeption ein herausragendes, zeithistorisches Beispiel für einen Prozess der symbolischen Verschiebung, Verdichtung, Verdrängung und Subtextfülle – panischer Vorläufer dessen, was später Aufarbeitung oder Erinnerungsarbeit heißen sollte. Das deutsche »Lambarene« lässt sich lesen wie der kollektive Traum einer Gesellschaft, die einen unerträgliche Alptraum abwehrte.


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