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Ja, denn nur die Kategorien links und rechts ermöglichen Benennung, Verständnis und Einordnung politischer Prozesse.
Es gibt ein fast triviales Argument, das gegen die Verabschiedung der Begriffe rechts und links als zentrale oder zumindest wesentliche Kategorien des politischen Systems spricht. Dieser Abschied geschieht nicht zum ersten Mal. Schon in den 60er Jahren wurde, angesichts der Mittelschichtsgesellschaft, die sich immer weiter nivellieren würde, Links-Rechts als überholtes Auslaufmodell zu Grabe getragen. Der Nationalkonservative Erich Mende verhöhnte nicht als letzter die politische Gesäßgeographie. Nach 1989/90 konnte man sich vor Beerdigungen von links und rechts kaum retten.
Wenn man die Geschichte dieser Verabschiedungen Revue passieren lässt, fällt zweierlei auf. Erstens: Das Links-rechts-Schema wird oft von Liberalkonservativen oder Feuilletonisten mit linksradikaler Vergangenheit für null und nichtig erklärt. Und: Die Grablegungen verhindern offenbar nicht, dass dieses Ritual in ein paar Jahren wiederholt werden muss. Das zeigt, dass das Links-rechts-Schema doch über vitale Quellen verfügen muss.
Beschäftigen wir uns erst mit der Kritik dieses Schemas. Es sei, heißt es, historisch überholt und tauge nur für das Museum. In der Ära des Fordismus und der industriellen Moderne bezeichnete links die Arbeiterbewegung, ihre Ideen und Organisationen. Zentral waren drei Begriffe, die die Linke verband: Fortschritt, Gleichheit und Emanzipation. Das galt in (allerdings sehr verschiedenen) Facetten sowohl für den autoritären als auch für den freiheitlichen Flügel der Linken.
Fortschritt war die Metapher für die Idee, dass Geschichte machbar ist. Im Sozialismus sollten Klassenprivilegien abgeschafft werden und gesellschaftliche Prozesse planbar sein. Die anzustrebende Gesellschaft würde gleicher als die in Kapital und Arbeit getrennte Klassengesellschaft sein und den Individuen mittels sozialer Rechte die Chance auf Emanzipation bieten.
Die Rechte, die sich lieber Konservative nennen, bildeten in allem den Konterpart. Geschichte erschien Konservativen eher als eine dunkle, undurchsichtige Anhäufung von Unberechenbarkeiten und unintended effects. Bei Gleichheit zuckten Rechte zusammen, denn Gleichheit (außer die vor dem Gesetz) galt ihnen als Bedrohung der Freiheit. Und Emanzipation und individuelle Selbstverwirklichung erschien vielen als gefährliches Experiment, das erprobte Traditionen zu zerstören droht.
»Mit der ökologischen Frage ist ein Thema aufgetaucht, das schräg zu der Links-rechts-Ordnung liegt.«
Diese idealtypische gezeichnete Zuordnung existiert heute in der Realität weniger als früher. Die sozialmoralischen Milieus der Arbeiterbewegung, aber auch der Kirchen haben in den individualistischen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften an Bedeutung verloren. Zudem ist mit der ökologischen Frage ein Thema aufgetaucht, das schräg zu der Links-rechts-Ordnung liegt. Der ökologische Kernimpuls ist bewahrend, konservativ und ein Dementi klassischer Fortschrittserzählungen. Die Kritik, dass Umweltverschmutzung und Klimawandel Ärmere viel härter als Reiche trifft, speist sich hingegen aus dem linken Gleichheitsideal. Aber ist das ein Grund, die Begriffe rechts und links auf den Müll zu werfen? Dass Zwitter existieren, die sich aus linken und rechten Ideen und Narrativen speisen, dass die politischen Formationen der Industriegesellschaft teils wie ein Relikte erscheinen, dass populistische Parteien, linke und rechte Programmatiken zu Migration und Wirtschaftspolitik mixen – warum macht das die Unterscheidung zwischen links und rechts überflüssig?
Im Nebel der Gegenaufklärung
Das Gegenteil ist richtig. All diese Prozesse lassen sich ja nur mit den Kategorien links und rechts benennen, verstehen, einordnen. In Zeiten, in denen die Chefin einer 20-Prozent-Partei behauptet, dass »Hitler ein Linker war«, gilt es auf klaren Unterscheidungen zu beharren, um den Nebel der Gegenaufklärung lichten zu können. Zudem fragt sich: Welche Beschreibung sollte links und rechts ersetzen? Wenn man manchen Adepten der Totalitarismustheorie glaubt, hat die Unterscheidung von Demokratie und Diktatur das Links-rechts-Schema abgelöst und überflüssig gemacht. Ist das plausibel?
Die bürgerlichen Freiheiten, die Abwählbarkeit der Regierung und die Gewaltenteilung sind fundamentale Voraussetzungen einer guten Gesellschaft. Richtig ist, dass die Verbrechen, die von China bis Russland im Namen des linken, kommunistischen Fortschritts verübt wurden, ähnlich monströs waren wie die des Kolonialismus. Der Begriff links hat nichts Unschuldiges, er bedarf ständiger kritischer Selbstreflexion. Aber die Teilung der Welt in ein binäres Demokratie-Diktatur Schema verspricht falsche Eindeutigkeit. Indien ist formal eine Demokratie – und ein Land, in dem fast 200 Millionen Menschen unterernährt sind. In China hat die repressive KP-Diktatur in zweieinhalb Jahrzehnten so viel Menschen aus der Armut befreit wie noch nie. Diese Beispiele illustrieren, dass das Diktatur versus Demokratie nur bedingt brauchbar ist, um die Komplexität von Gesellschaften zu erfassen. Links und rechts bilden die Vielschichtigkeit, Widersprüche und Ambivalenzen von Gesellschaften präziser ab.
»Die Teilung der Welt in ein binäres Demokratie-Diktatur-Schema verspricht falsche Eindeutigkeit.«
Natürlich gilt es bei dem Begriff links, verstanden als politisches Programm, Modellierungen vorzunehmen. Die Kettung an das Wort Fortschritt ist nicht nur fraglich, weil es in den alternden, veränderungsmüden westlichen Gesellschaften dafür derzeit kaum Echoräume gibt. In dem Begriff Fortschritt sind Verluste eingraviert. Er ist, anders als vor hundert Jahren, nur reflexiv und gebrochen verwendbar.
Das Links-rechts-Schema bleibt aktuell
Was also bleibt? Norberto Bobbio hat vor dreißig Jahren proklamiert: »Für die Linke war das Gleichheitsideal immer der Polarstern«. Dieser Satz ist erstaunlich gut gealtert. Die aufgeklärten westlichen Gesellschaften sind liberal geworden (auch wenn sich gerade ein Backlash ankündigt). Vielleicht war die individuelle Freiheit noch nie so groß wie derzeit, der äußere Normdruck so gering. Das ist durchaus eine Erfolgsgeschichte. Aber dieses Mehr an Emanzipation kann nicht vergessen machen, dass die Ungleichheit von Vermögen, Einfluss, Lebenschancen, die Kluft zwischen Arm und Reich, in den OECD-Staaten gleichzeitig gewachsen ist. Die Sezession der Reichen, früher ein Kennzeichen von Entwicklungsländern, ist ein Signum unserer Zeit. Und die Abkopplung der Milliardäre hat, wenn man die Ideen von US-Tech-Oligarchen wie Peter Thiel und Elon Musk ernst nimmt, erst begonnen.
Der Angriff der libertären Reichen zielt auf die Demokratie und deren freiheitseinschränkende Regeln. Im Kern aber ist dies eine Attacke aus dem Geist einer radikalen, extremistischen Ungleichheitsideologie und eines entfesselten Individualismus auf die Idee der Gleichheit. Falls das Links-rechts-Schema wirklich im Museum gelandet sein sollte – man sollte es wieder entstauben.

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