Eine Klimakonferenz in Kolumbien und eine zum Thema der Plastikvermüllung im südkoreanischen Busan, die beide ohne Beschlussfassung enden, eine weitere in Aserbaidschan mit allzu deutlichen Zugeständnissen gegenüber der fossilen Industrie und großen CO2-Emittenten wie China, Indien und Saudi-Arabien; Diskussionen, Proteste und lahme Kompromisse, während in den USA ein Leugner des Klimawandels seine Präsidentschaft antritt, aus dem Pariser Klimaabkommen austritt und entschlossen die Erdöl- und Frackinggas-Industrie fördert. Zugleich gewinnen überall auf der Welt, auch in der EU, extrem rechte und autoritäre politische Strömungen an Macht, vorzugsweise in gefälschten, zuweilen aber auch in regelrechten Wahlen. Und im Nahen Osten, im Sudan und in anderen Teilen der Welt, auch in Europa, herrscht Krieg.
Die Welt, so scheint es, hat andere Sorgen, als sich um unsere Umwelt zu kümmern. Darum steigt die Erderwärmung kontinuierlich weiter und die Artenvielfalt nimmt ab, in den Alpen schmelzen die Gletscher und in Grönland der Eisschild, der Meeresspiegel steigt, ausgedehnte Landstriche und Millionenstädte drohen überschwemmt zu werden und in der Südsee werden ganze Inselstaaten unbewohnbar.
Vor diesem Hintergrund veröffentlicht ein geistreicher Soziologe, der keineswegs rechter Umtriebe verdächtig ist, ein Buch, in dem er die Befürworter der ökologischen Transformation mit zuweilen beißender Kritik überzieht: Kritik der großen Geste. Anders über gesellschaftliche Transformation nachdenken. Sein entscheidendes Argument: Es sei ein Irrtum zu glauben und die Öffentlichkeit glauben zu machen, dass das eigentliche Problem bei der Durchsetzung eines konsequenten ökologischen Umbaus der Gesellschaft die Ignoranz und die mangelnde Bereitschaft der Menschen sei, sich den wissenschaftlich belegten Fakten zu stellen. »Der Klimawandel«, so Armin Nassehi, »geht keineswegs auf Misserfolge der Menschheitsentwicklung zurück, sondern ist vielmehr eine Nebenfolge unzähliger Erfolge – die technische Entwicklung, der hygienische Standard, die Heilbarkeit von Krankheiten, die massiv gestiegene Lebenserwartung, die faktische und mögliche Versorgungslage, die weltweite Mobilität, die industrielle Produktion usw.« Das heißt, dass die Veränderungen, die die wohlmeinenden Anwälte der ökologischen Transformation betreiben, allzu oft mit einer pauschalen Diskreditierung von Entwicklungen einhergehen, die von vielen, wenn nicht gar von der Mehrheit der Menschen als Errungenschaften betrachtet werden.
Das Problem der Maßlosigkeit
Dieses Problem, so der Autor, könne nicht mit »großen Gesten« in der Manier eines wissenschaftlichen Erweckungspredigers und auch nicht mit schulmeisterlichen Ermahnungen nach dem Muster »Follow the science!« aus der Welt geschafft werden, weil die allermeisten Menschen mit dem in Teilen tatsächlich fragwürdigen Fortschrittsprozess eben auch handfest positive und identitätsstiftende Erfahrungen verbinden. Dabei räumt Nassehi ein, dass der Kapitalismus mit seiner ihm eingeborenen Maßlosigkeit zu einer gefährlichen Fehlanpassung an die beschränkten planetaren Bedingungen geführt hat. Aber, so der Autor, das heißt nicht, dass die Abschaffung des Kapitalismus das Problem der maßlosen Übernutzung der natürlichen Ressourcen lösen würde, weil die Tendenz zur Maßlosigkeit, die zur Zerstörung unserer Naturbasis führt, auch nichtkapitalistischen Systemen eigen ist.
Das von Nassehi hier angesprochene Problem der Maßlosigkeit legt es nahe, auf ein anderes kürzlich erschienenes Buch zu sprechen zu kommen: Werner Bätzings Homo destructor. Eine Mensch-Umwelt-Geschichte, ein Wälzer von 500, wenn man die Anmerkungen hinzunimmt 600 Seiten, eine sich aus einer Unmenge von Quellen bedienende Geschichte von den frühen Hominiden bis zur Gegenwart. Kenntnisreich und in einer schnörkellosen Sprache behandelt der Autor Lebensbedingungen, Gesellungsformen und Produktionsweisen, das Verhältnis des Homo sapiens zur natürlichen Umwelt von der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft über die egalitären Bauerngesellschaften zu den Stadtstaaten und Großreichen und weiter bis zu den heutigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften.
»Der Homo destructor ist ein grenzenloser, überheblicher Mensch, der sich selbst und seine Welt zerstört.«
Erst in der Moderne, so Bätzing, erweist sich der Mensch im vollen Sinn als Homo destructor, als Zerstörer der lebensspendenden Natur. »Die moderne Welt mit ihren scheinbar unendlichen Möglichkeiten«, so Bätzing am Ende des Buches, »bietet dem Wesen ohne feste Mitte eine ideale Projektionsfläche, um alle Begrenzungen und Sachzwänge der Erde und des eigenen Körpers zu vergessen, eine grenzenlose Überheblichkeit zu entwickeln und sich schließlich als allmächtiger Gott zu fühlen. Ein solcher grenzenloser und überheblicher Mensch ist der Homo destructor, der sich selbst und seine Welt zerstört.«
Aber mit diesem deprimierenden Schluss möchte der Autor seine Leser nun doch nicht entlassen. Darum fügt er noch einige Zeilen an, in denen so etwas wie Hoffnung aufflammt: Statt des Wahlspruchs der Aufklärung, Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen (grenzenlosen) Verstandes zu bedienen, schreibt er, wäre ein anderer Wahlspruch angemessener: »Habe Mut, deine eigene Grenzenlosigkeit in Frage zu stellen und dich auf das richtige Maß zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig zu konzentrieren… Wenn der Mensch lernt, dass diese Orientierung keinen Verzicht und keine Unterwerfung bedeutet, sondern ihm als einem körperlichen und begrenzten Wesen die volle Ausschöpfung seiner Möglichkeiten auf der Erde erlaubt, dann wird aus dem Homo destructor wieder ein Mensch, der die Natur verändert, ohne sie zu zerstören.«
»Zweifel, ob wir die Klimakatastrophe noch werden aufhalten können.«
Womöglich noch skeptischer als Armin Nassehi und Werner Bätzing ist Jens Beckert in seinem Buch Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. Gleich im ersten von neun faktenreichen und stringent argumentierenden Kapiteln stellt er fest: »Die menschengemachte Veränderung der Biosphäre führt zur Beschädigung oder Zerstörung von Teilen derjenigen ökologischen Nische, in der menschliche Kultur stabil bestehen kann.« Nach 200 Seiten mit präzisen Problembeschreibungen und kritischer Prüfung der vorgebrachten Lösungsvorschläge ist man als Leser erst recht im Zweifel, ob wir die drohende Klimakatastrophe überhaupt werden aufhalten können.
Und das liegt daran, dass der Autor eine Frage stellt, die die meisten Politiker, Ökonomen und Ökologen lieber nicht stellen, nämlich: Ob unser Wirtschaftssystem und die daran ausgerichteten demokratischen Institutionen überhaupt in der Lage sind, auf die rasant zunehmenden ökologischen Gefährdungen adäquat zu reagieren. Denn: »Die Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne und ihre Steuerungsmechanismen blockieren eine Lösung des globalen Problems namens Klimawandel… Der kurzfristige Gewinn aus der Vermeidung der Klimakosten übersteigt den gegenwärtigen Nutzen der zukünftigen Klimasicherheit.«
Wer hat den Mut?
Heißt die Botschaft für unsere Kinder und Enkel dann womöglich: Von uns könnt Ihr nicht erwarten, dass wir Euch die Erde in einem Zustand hinterlassen, der Euch ein gutes Leben ermöglicht? Das hieße in der Tat Kapitulation. Wenn man dies nicht wolle, so Beckert, »müsste man die Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne« infrage stellen. Aber welcher Politiker welcher Partei hätte bei uns in der Bundesrepublik den Mut dazu? Die FDP und die Union sicher nicht, und die rechtsradikale AfD leugnet schlicht das Problem, das BSW schweigt zu diesem Thema und die Linkspartei ist mit ihrem puren Überleben vollauf beschäftigt. Bleiben die Grünen und die SPD. Aber die klammern sich in ihrer Mehrheit an einen Fetisch namens »grünes Wachstum«, der es uns angeblich erlauben soll, im Kern so weiter zu machen wie bisher und dennoch den ökologischen Notwendigkeiten zu genügen.
Jens Beckert setzt an das Ende seines Buches mit dem nicht eben Hoffnung machenden Titel Verkaufte Zukunft immerhin ein kleines Hoffnungszeichen. »Staatliche Politik und unternehmerisches Handeln werden zwar auch weiterhin ihren systemischen Logiken folgen und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen nur dann Raum geben, wenn dies mit den Prinzipien des Profits und der Macht kompatibel ist. Vielleicht aber können die Parameter dieser Logiken durch das Handeln der Bürger zumindest ein wenig verschoben werden.«
Grünes Wachstum
Das wirkt nun allerdings ähnlich blauäugig wie Till Raethers letztes Aufgebot von Hamburger Kiezinitiativen als Antwort auf die Leitfrage seines Buches Habe ich noch Hoffnung oder muss ich mir welche machen? Bei Beckert überwiegt denn auch bis zur letzten Seite die Skepsis. Kann uns das Handeln der Bürger einen Ausweg weisen? »Das wäre keine Kleinigkeit«, so der Autor, fügt aber gleich warnend hinzu: »auch wenn das nicht zu einer hinreichenden Reaktion auf den Klimawandel führen wird«.
»An Geld für eine grüne technologische Revolution fehlt es nicht.«
Wie müsste denn nun eine solche »hinreichende Reaktion auf den Klimawandel« aussehen? Müssen wir, um das Schlimmste, jedenfalls für die nahe Zukunft, doch noch abzuwenden, tatsächlich auf das fragwürdige Konzept des »grünen Wachstums« setzen? An Geld für eine solche technologische Revolution fehlt es nicht. Es müsste nur durch konsequente Besteuerung der Reichen und der Superreichen politisch verfügbar gemacht werden. Wie das geschehen könnte zeigen unter anderem Jörgen Randers und Till Kellerhoff in ihrem Buch Tax the Rich. Eine angemessene Besteuerung der Reichen und Superreichen verbunden mit einer Entdämonisierung staatlicher Schuldenaufnahme zum Zwecke ökologisch sinnvoller Investitionen könnte in der Tat einen wirklichen Fortschritt bewirken. Aber zu erwarten, dass ein solch »grünes« Wachstum die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten verhindern würde, könnte sich als Illusion erweisen, weil die zerstörerische Maßlosigkeit des Homo destructor dem Wachstumsprozess selbst innewohnt.
Letzteres ist jedenfalls die Auffassung der Autoren der Degrowth-Bewegung um Niko Paech, und dasselbe vertreten auch Bruno Kern mit seiner Kampfschrift Das Märchen vom grünen Wachstum und die taz-Journalistin Ulrike Herrmann, die 2022 mit ihrem Buch Das Ende des Kapitalismus einiges Aufsehen erregte. Alle diese Autoren eint die Erkenntnis, die der Soziologe Jens Beckert am Ende seines Buches so zusammenfasst: »...dass für ein Leben innerhalb der planetarischen Grenzen kein Weg an nachhaltigen Beschränkungen von wirtschaftlichem Wachstum und exzessivem Konsum vor allem in den hochentwickelten Ländern vorbeiführt und dass solche Einschränkungen nicht mit den bestehenden Strukturen der kapitalistischen Moderne vereinbar sind.«
Man könnte es mit dem amerikanischen Ökonomen Kenneth Boulding auch schärfer formulieren: »Wer in einer begrenzten Welt an unendliches exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom.« Oder er erwägt die Auswanderung des Homo sapiens auf einen anderen Planeten, wie Jürgen Schmidhuber auf den Merkur oder Elon Musk auf den Mars.
Armin Nassehi: Kritik der großen Geste. Anders über gesellschaftliche Transformation reden. C. H. Beck, München 2024, 224 S., 18 €.Werner Bätzing: Homo destructor. Eine Mensch-Umwelt-Geschichte. C. H. Beck, München 2023, 463 S., 32 €.Jens Beckert: Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. Suhrkamp, Berlin 2024, 238 S., 28 €. Till Raether: Hab ich noch Hoffnung oder muss ich mir welche machen? Rowohlt Hamburg 2024, 128 S., 16 €.Jörgen Randers, Till Kellerhoff: Tax the rich. Oekom, München 2024, 112 S., 14 €.Bruno Kern: Das Märchen vom grünen Wachstum. Rotpunkt, Zürich 2019, 240 S., 13 €.Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, 353 S., 24 €.


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