Die Stimmung ist extrem aufgeheizt. Im November 2024 brüllten Aktivisten Klaus Biesenbach, den Direktor der Berliner Neuen Nationalgalerie, nieder, als er auf eine Rede der dort ausstellenden Künstlerin Nan Goldin zum Gaza-Krieg antworten wollte. Im Februar 2024 musste eine Hannah Arendt-Leseperformance der Künstlerin Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof in Berlin abgebrochen werden, nachdem Aktivisten den Auftritt von Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, aggressiv störten und ihr vorwarfen, durch ihren Einsatz für Solidarität mit Israel den »Genozid in Gaza« zu unterstützen. Im November 2023, kurz nach dem Angriff der Terrorgruppe Hamas auf Israel, sagte die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz eine für 2024 geplante Ausstellung von Candice Breitz ab und begründete dies mit einem von der Künstlerin gegen den jüdischen Staat ausgesprochenen »Apartheid«-Vorwurf.
Die Reihe der sich seit eineinhalb Jahren im deutschen Kunstbetrieb ereignenden Absagen, Boykotte und öffentlicher Eklats ließe sich länger fortsetzen. Die Kunstwelt ist, so scheint es, zu einem Krisengebiet geworden. Museen und Kunsthallen sind zu einem Austragungsort eskalierender politischer Auseinandersetzungen avanciert. Nur selten wirken die betroffenen Institutionen souverän, allzu oft drängt sich der Eindruck von Überrumpelung auf.
Zugespitzte Antisemitismusdebatte
Wie gehen die Museen und Ausstellungshäuser mit der seit dem 7. Oktober 2023 noch einmal zugespitzten Antisemitismusdebatte um? Welche Rolle bleibt ihnen in der Gemengelage zwischen radikalisierten, aktivistisch agierenden Teilen der Kunstszene, einer zunehmend unduldsamen Politik und den Aufregungsspiralen sozialer Medien? Wie weit kann eine bessere Kommunikation solche Skandale einfangen? Und was tut die Kulturpolitik, um ähnliche Krisenlagen zu verhüten?
»Wir haben immer mehr zu tun«, berichtet Stella Leder vom Institut für Neue Soziale Plastik. Das 2015 gegründete, in Berlin ansässige Institut berät unter anderem Kulturinstitutionen zum Thema Antisemitismus – etwa in Form von Produktionsbegleitung, Prävention oder Krisenkommunikation. In der Regel, beobachtet Leder, seien die anfragenden Institutionen »extrem handlungsunsicher« im Hinblick auf Fragen wie »Was ist Antisemitismus?« und »Was sind die Anliegen der jüdischen Gemeinschaft?«. Sowohl nach der skandalträchtigen Kasseler Weltkunstausstellung »documenta fifteen« im Jahr 2022 als auch nach dem 7. Oktober 2023 erreichten das Institut für Neue Soziale Plastik zahlreiche Anfragen von Institutionen, die laut Stella Leder Antisemitismus als ein historisches Phänomen betrachteten und die Israel-Boykottbewegung BDS bisher nicht ernst genommen hatten.
»Beim Nahost- und Antisemitismusthema war es ganz stark so, dass die Institutionen diese Felder noch gar nicht als für sich relevant erachtet haben«, bestätigt Ralf Schlüter. Zusammen mit seiner Schwester Karin Bjerregaard Schlüter gründete der Kulturjournalist 2022 die Beratungsagentur »Kulturbotschaft« – mit der Grundidee, Kulturinstitutionen »eine Brücke ins Digitale zu schlagen«, sie also für eine globale digitale Öffentlichkeit fit zu machen.
Bedrohliche Öffentlichkeit
»Diese Art von Öffentlichkeit ist für die meisten Kulturinstitutionen bedrohlich«, sagt Schlüter. Denn früher habe sich das öffentliche Echo einer Ausstellung auf Veröffentlichungen in Printmedien, Radio und Fernsehen beschränkt. Heute hingegen könne es passieren, »dass man eine Ausstellung macht, und eine Person, die vielleicht auf einem anderen Kontinent lebt, und die nur ein Bild aus der Ausstellung online findet und daran Anstoß nimmt, reagiert«. Und wenn diese Person es richtig mache und den richtigen Moment erwische, »dann kann sie etwas in Gang setzen, was dem Museum Probleme bereitet, obwohl die Person vielleicht noch nie in Europa war und noch nie das betreffende Museum betreten hat«. Ob ein tausendfach gelikter Kommentar, ein vielfach geteiltes Smartphonevideo oder ein offener Brief, der in den sozialen Medien viral geht: »Unsere Kunden werden oft überrascht von Angriffen aus dem Netz«, berichtet Ralf Schlüter.
Vermischung von Kulturbetrieb und politischem Aktivismus.
Für journalistische Medien sei dies längst Alltag – so müsse ein Community Manager der »Tagesschau« mit Tausenden von Kommentaren umgehen. »Aber für die Museen und Universitäten, Bibliotheken und Theater ist das noch ein relativ neues Phänomen«, so Schlüter. Dass das Phänomen vor allem den Kunstbetrieb und weniger andere Sparten trifft, erklärt Schlüter mit der dort gängigen Vermischung mit dem Aktivismus: Die Stimmung sei dadurch »kämpferischer geworden und auch konfrontativer«. Im Umgang mit Krisensituationen komme es auf die Haltung der jeweiligen Institution zu bestimmten Debatten oder Diskursfeldern an, betont Schlüter. Mit seinen Kunden gehe er daher, sobald die Zeit es zulasse, in einen Klärungsprozess, in dem die Institutionen ihren Auftrag, ihre Haltung und ihre roten Linien definieren.
Rote Linie Antisemitismus
»Beim Thema Antisemitismus würde ich eine rote Linie ziehen«, sagt Ina Hartwig, die auch stellvertretende Vorsitzende des Kulturforums der Sozialdemokratie ist. Als Frankfurter Kulturdezernentin verantwortet sie unter anderem mehrere große Museen und die Städtischen Bühnen. Von den Hausleitungen erwartet sie eine klare Haltung: »Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass Antisemitismus in Frankfurter Kultureinrichtungen nicht vorkommt, weder verbal noch visuell.« »Ich möchte aber nicht im Vorfeld Einschränkungen vorgeben«, betont Hartwig. Die Politik mische sich in Deutschland »aus guten Gründen« nicht in die Programmgestaltung der Kultureinrichtungen ein.
»Eine wehrhafte demokratische Gesellschaft sollte sich die Freiheit der Kunst zutrauen«, unterstreicht Hartwig. Es gehe darum, »auch die Störungen, Provokationen und Grenzüberschreitungen, die im Rahmen der Kunstfreiheit möglich werden, auszuhalten.« Es sei denn, es finde antisemitische Propaganda statt – dann müsse die Politik eingreifen. In den Frankfurter Kulturinstitutionen ist die Lage nach dem Hamas-Angriff auf Israel wahrnehmbar ruhig geblieben. Neben einer klaren Haltung gegen Antisemitismus führt Ina Hartwig diesen Umstand auch auf das während der Coronapandemie innerhalb der Kulturinstitutionen etablierte »Netzwerk der Krisenkommunikation« zurück. Nach dem Vorfall im Hamburger Bahnhof, bei dem Mirjam Wenzel niedergebrüllt wurde, habe man zudem eine Hilfestellung für die Institutionen erarbeitet: »Was ist zu tun, wenn so etwas am eigenen Haus passiert?«
»Echtes, authentisches Entsetzen über das Geschehene« eint laut Stella Leder viele Kulturinstitutionen, die das Institut für Neue Soziale Plastik um Hilfe und Beratung ersuchen. Außerdem sei nach dem 7. Oktober 2023 zu beobachten, »dass ein gewisser politischer Druck an manchen Stellen entstanden ist«. So habe sich die Kulturministerkonferenz im März 2024 zum Thema Antisemitismus im Kulturbereich geäußert: »Das ist ein Paukenschlag gewesen. Das haben alle verstanden.« Einige Institutionen äußerten nun die Sorge, »dass wenn sie sich dazu nicht positionieren, sie vielleicht eines Tages weniger Geld bekommen«. »Das ist ein massiver Unterschied zu der Zeit vor der ›documenta fifteen‹, wo wir keine einzige solche Anfrage erhalten hatten«, betont Leder. Vor diesem Hintergrund ermutigt Ralf Schlüter seine Kunden, sich klar zu machen, wie ihre Haltung zur Politik ist: »Wenn Politiker etwa Druck ausüben – wie steht man dazu? Kann man dem Druck widerstehen? Auf wen kann man sich vielleicht sonst noch stützen, außer die Politik?«
Verhaltenskodex für Kulturinstitutionen
Aus dem weltweit wahrgenommenen Skandal um antiisraelische und offen antisemitische Werke auf der jüngsten »documenta« haben die politisch Verantwortlichen Schlüsse gezogen – dazu gehörte auch die Etablierung eines »Code of Conduct« für die Trägergesellschaft der Weltkunstschau. Ralf Schlüter rät allen Kulturinstitutionen zur Formulierung eines solchen Verhaltenskodex: Denn sobald sich mit Hass und Diskriminierung einhergehende Vorfälle ereigneten, habe man damit eine klare Handhabe. Um die grassierende Verunsicherung abzubauen, plädiert Stella Leder für ein breites Beratungs- und Fortbildungsangebot für Kulturinstitutionen zu Antisemitismus. »Aber wir brauchen auch eine Förderung von Projekten und Ideen, die das Thema Antisemitismus in die künstlerische Praxis hinein verlegen.«
In den Kulturinstitutionen grassiert Verunsicherung.
Auch wenn hierzulande aufgrund der Schoah eine andere Sensibilität für dieses Thema zum Tragen kommt, betont Ralf Schlüter, die gegenwärtige Diskurskrise sei kein rein deutsches Phänomen: »Es ist eigentlich ein Phänomen, das vor allem die offenen Gesellschaften betrifft, weil da die Dinge aufeinanderprallen.« Die Krise habe viel mit Dynamiken im digitalen Raum zu tun, die Negatives, wie etwa rechte Mobilisierung, ebenso begünstigten wie emanzipatorische Dinge, wie zum Beispiel »MeToo«. »Die Kulturinstitutionen wurden von der Diskurskrise kalt erwischt, weil sie bisher die digitalen Medien nicht ernst genommen haben«, sagt Schlüter. Es werde Zeit brauchen, bis sich ein breiteres Verständnis der Funktionsmechanismen der digitalen Öffentlichkeit durchgesetzt habe.
Ina Hartwig betont unterdessen die Rolle der Kulturhäuser als Ort der Auseinandersetzung und Debatte: »Die Museen sind heute Diskursräume.« Sie plädiert gegen vorschnelle Verbote oder Ausladungen: »Wir müssen versuchen, die Diskussion überhaupt erst mal zu führen und zu lernen, die Gegenargumente zu schärfen.« Auf die eingangs erwähnten Vorfälle blickt die Frankfurter Kulturdezernentin mit einer Prise Gelassenheit: »Das Gros des Kulturlebens steht nicht in Flammen, sondern das sind punktuelle Ereignisse, die eine unglaubliche Aufmerksamkeit erfahren.« Diese sei zwar vollkommen gerechtfertigt, »aber es gibt schon auch so etwas wie eine Normalität im Kulturbetrieb: Ausstellungen, die besucht werden, Theateraufführungen, viele Konzerte – wir haben unglaublich viele Angebote«. Für den Umgang mit möglichen künftigen Konflikten formuliert Hartwig die Maxime: »Haltung zeigen, ruhig bleiben, keine Angst haben. Und weitermachen.«


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