» Read the English version of this article
Was bedeutet der Umschwung der US-amerikanischen Politik hin zur offenen Intervention und weg von den Prinzipien der Menschenrechte und Demokratieförderung? Zwei Monate nach dem Militärschlag zeigen sich die Konturen der neuen US-amerikanischen Lateinamerikapolitik ebenso wie die Auswirkungen für die Region.
Aus lateinamerikanischer Sicht schließt die US-Militäroperation in Venezuela an eine lange Geschichte von US-Interventionen in der Region an. Die regelbasierte, multilaterale Nachkriegsordnung war in Lateinamerika eine Hochphase der US-Interventionspolitik, die von den 40er bis 80er Jahren unter dem Vorzeichen des Containment stand, einer auch gewaltförmigen Politik der Eindämmung des vermeintlichen und tatsächlichen Kommunismus. Die USA führten in dieser Zeit eine Reihe von verdeckten und offenen Interventionen in Lateinamerika durch. Dazu zählen die von der CIA organisierten beziehungsweise unterstützten Staatsstreiche in Guatemala (1954) oder Chile (1973), die gescheiterte Invasion in der kubanischen Schweinebucht 1961, die Finanzierung des Contrakrieges gegen die Sandinisten in Nicaragua (1981–1990), die Ausbildung von Militärs in der berüchtigten Escuela de las Americas in Panama sowie schließlich 1989–90 der gewaltsame Sturz von Präsident Manual Noriega in Panama durch eine militärische Intervention.
Auch die Jahrzehnte seit Ende des Kalten Kriegs waren alles andere als frei von Versuchen der politischen Einmischung der USA in die inneren Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten. Die Linkswende der frühen Nullerjahre wurde von den USA argwöhnisch verfolgt und teilweise mit offener Unterstützung für rechte Oppositionskräfte beantwortet. Zu offenen Militärinterventionen kam es dabei seit 1990 jedoch nicht mehr. Gleichzeitig rückte die Region eher in den Hintergrund der US-amerikanischen Aufmerksamkeit.
Anspruch auf unbedingte US-Vorherrschaft
Seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus hat sich beides verändert. In der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie, die Anfang Dezember 2025 veröffentlicht wurde, hat die westliche Hemisphäre klar Priorität – ein deutlicher Unterschied auch zur politischen Orientierung der ersten Trump-Administration. Im Zentrum der hier formulierten Lateinamerikapolitik steht der »Trump-Zusatz« zur Monroe-Doktrin von 1823, oder kurz: die »Donroe-Doktrin«. Sehr viel expliziter als unter Präsident James Monroe (1817–1825), dessen Doktrin sich auch gegen die imperiale Einmischung der europäischen Monarchien richtete, geht es der aktuellen US-Regierung um einen Anspruch auf unbedingte US-Vorherrschaft über die westliche Hemisphäre, d. h. Lateinamerika, die Karibik und auch Grönland.
Der Kampf gegen außerregionale Rivalen richtet sich insbesondere gegen China.
Dies umfasst zum einen die Kontrolle über die Politik der Staaten der Region, um sicherzustellen, dass diese im Sinne der USA regiert werden, mit der US-Regierung in Fragen wie der Bekämpfung von »Narco-Terrorismus« oder der Unterbindung von Migration kooperieren sowie den USA Zugang zu kritischen Ressourcen bieten. Zum anderen geht es darum, außerregionalen Rivalen nicht nur die militärische Präsenz in der Region zu verwehren, sondern auch die Kontrolle über strategisch bedeutsame »Vermögenswerte« zu entziehen. Letzteres richtet sich insbesondere gegen China. Das Land hat in den vergangenen Jahrzehnten auch in Lateinamerika an ökonomischem Einfluss gewonnen. China fokussierte sich auf die Bereiche Rohstoffe, Infrastrukturprojekte, Technologieentwicklung und entdeckte Lateinamerika als Absatzmarkt insbesondere für Konsumprodukte. Die geopolitischen Auseinandersetzungen werden jetzt auch in Lateinamerika geführt, wie bereits kurz nach Beginn der zweiten Amtszeit von Trump in Panama deutlich wurde.
Die Mittel zur Durchsetzung der US-Interessen haben sich ebenfalls drastisch gewandelt. Die Schließung von USAID und der massive Ausbau der US-Militärpräsenz in der Karibik markierten deutlich den Wandel von einer entwicklungspolitischen Agenda hin zur offenen Ausnutzung der wirtschaftlichen und politischen Macht gegenüber einer auch politisch gespaltenen Region.
Die »Donroe-Doktrin« in Action
Die US-Intervention in Venezuela ist der erste Anwendungsfall der »Donroe-Doktrin«. Tatsächlich nennt die Nationale Verteidigungsstrategie, die knapp drei Wochen nach dem Militärschlag veröffentlicht wurde, Venezuela explizit als Beispiel dafür, wie die US-Regierung gedenkt, den Trump-Zusatz zur Monroe-Doktrin militärisch durchzusetzen: »mit Geschwindigkeit, Macht und Präzision, wie die Welt sehen konnte«.
Das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes, Menschenrechte oder Demokratie spielen keine Rolle mehr.
Ging es den USA auch bei früheren Interventionen in Lateinamerika um geopolitische Dominanz und die Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen, so wird dies unter der aktuellen Regierung ganz unverblümt artikuliert. Imperialistische Politik wird von imperialistischer Rhetorik begleitet. Es gab nicht den leisesten Versuch, den Militäreinsatz völkerrechtlich zu legitimieren, dafür aber den expliziten Anspruch, die politische Kontrolle in Venezuela bis auf Weiteres zu übernehmen und sich den Zugriff auf die Erdölreserven des Landes zu sichern. Das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes spielte in den Ausführungen Trumps ebenso wenig eine Rolle wie Menschenrechte oder Demokratie.
Zwar sprach Außenminister Marco Rubio vage von einer »Transition« als dritter Phase, nach »Stabilisierung« und »Wiederaufbau«. Bisher ist davon jedoch nichts zu erkennen. Vielmehr gelang es dem Block an der Macht in Venezuela, sich um Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, die vorherige Vizepräsidentin, zu versammeln. Zwar sendet die neue Regierung gewisse Signale der politischen Öffnung, etwa in Gestalt der Freilassung von politischen Gefangenen. Zentrale Figuren des autoritären Regimes in Venezuela blieben jedoch in ihrem Ämtern Strukturen intakt; ihnen kommt nun die Rolle der Stabilisierung der außenpolitischen Kehrtwendung Venezuelas zum Juniorpartner der USA zu.
Venezuelas geschäftsführende Präsidentin unternimmt hierfür einen diskursiven Spagat. In ihrer Parlamentsrede zur Lage der Nation vom 16. Januar 2026 wie auch in ihren Posts auf Instagram zeichnet sie das Bild eines Landes, das eine wirtschaftliche Talsohle durchschritten hat und sich nun im Aufschwung befindet. Zugleich verbindet sie eine antiimperialistische Rhetorik mit dem Werben um ausländische Investitionen in den Ölsektor. Im Verhältnis zur US-Administration zeigt sie sich offensichtlich hinreichend kooperationsbereit, um Trump zufriedenzustellen.
Implikationen für die Region
Die US-Militärintervention in Venezuela hat in Lateinamerika ein geteiltes Echo erfahren. Die Reaktionen der Regierungen verliefen weitgehend entlang der vorhersehbaren politisch-ideologischen Linien. Rechte Regierungen von Argentinien über Ecuador bis nach El Salvador applaudierten, während Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Uruguay die Intervention auch mit Blick auf den offenen Bruch des Völkerrechts verurteilten.
Diese Reaktionen sind mehr als nur Tagespolitik. Sie verdeutlichen, dass die Fokussierung der USA auf die Region im Zusammenspiel mit der aggressiven Machtpolitik der Donroe-Doktrin, die politischen Spielräume für die Region einschränken. Während die Staaten der Region bisher versuchten, sich den geopolitischen Machtrivalitäten durch eine Politik des politischen Ausbalancierens und der wirtschaftlichen Diversifizierung zu entziehen, scheint diese Positionierung zunehmend riskant. Dies schwächt zudem die ohnehin notorisch fragilen Bemühungen zur Förderung der regionalen Integration in Lateinamerika und befördert die politischen Richtungskämpfe.
Es ist bereits absehbar, dass die USA auch in den kommenden Monaten massiven Einfluss auf die politische Landschaft in Lateinamerika nehmen werden. Im Jahr 2026 stehen Präsidentschaftswahlen in Peru, Kolumbien und Brasilien an. Neben direkten Wahlempfehlungen durch Trump wird auch die Befürchtung vor ökonomischen oder politischen Nachteilen Einfluss auf die Wahlen nehmen. Zugleich lenkt sich der Blick der US-Regierung bereits klar auf Kuba, das – so scheint es aktuell – durch eine weitere Forcierung der Wirtschaftsblockade zu einem Kurswechsel gezwungen werden soll. Die Karibikinsel befindet sich in einer schweren Krise und ist auch innenpolitisch für die Republikaner sowie die Machtambitionen von US-Außenminister Marco Rubio von großer Bedeutung.
»Es ist nicht sicher, dass eine enge Anbindung an die Trump-Regierung Wahlsiege für die politische Rechte garantiert.«
Gleichwohl ist keinesfalls sicher, dass eine enge Anbindung an die Trump-Regierung Wahlsiege für die politische Rechte garantiert. Die menschenverachtende Migrationspolitik der US-Regierung wird in der Region sehr genau beobachtet und auch die imperialistische Politik gegenüber der Region ist in den Bevölkerungen alles andere als populär. In Brasilien zum Beispiel scheint Amtsinhaber Lula davon bisher eher zu profitieren. Klar ist jedoch, dass die Trump-Regierung die lateinamerikanische Politik vor neue Herausforderungen stellt.
Reaktionen
Die Intervention in Venezuela zeigt damit, worum es der US-Regierung mit der »Donroe-Doktrin« im Kern geht: Für die westliche Hemisphäre – das heißt Lateinamerika, die Karibik und auch Grönland – verfolgt sie eine imperialistische Agenda der Beherrschung und der unumstrittenen regionalen Dominanz mit dem Ziel der Ausbeutung, für die menschen- und völkerrechtliche Einschränkungen, demokratische Standards oder auch bloß basale Prinzipien zwischenstaatlicher Kooperation keine Rolle mehr spielen.
Weniger deutlich ist bisher, wie insbesondere China auf die imperiale Politik der USA reagieren wird. Ebenso bleibt abzuwarten, ob die europäischen Staaten eine Alternative zu den Großmächten bieten können. Während das umstrittene EU-Mercosur-Abkommen Anfang des Jahres unterzeichnet wurde, deuten die zaghaften Reaktionen auf die US-Politik in Lateinamerika ebenso in die falsche Richtung wie die Entscheidungen zur Reduzierung des entwicklungspolitischen Engagements in der Region. Gerade die erfolgreiche Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Basisorganisationen und der Wissenschaft sowie die Arbeit an Zukunftsthemen in den Bereichen Menschenrechte, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung stehen aktuell massiv unter Druck und sollten gerade deshalb im europäischen Eigeninteresse in enger Zusammenarbeit mit den Partnern ausgebaut werden.



Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!