David Szalay lässt seinen coolen Protagonisten wie unbeteiligt durchs Dasein gehen, László Krasznahorkai nähert sich mit spöttischer Gelassenheit den politischen Pendelausschlägen seiner Landsleute und András Visky macht aus seinem Heranwachsen im Lager eine Liebeslehre des Lebens.
Ist schon okay
Was nicht gesagt werden kann von David Szalay blickt auf den Jungen István, der mit seiner Mutter in einem Plattenbau am Rande Budapests wohnt. Der ungarisch-britische Autor berichtet in zehn Geschichten vom eigentümlich passiven Leben Istváns. Der Roman beginnt unvermittelt und brutal – mit dem sexuellen Missbrauch des 15-Jährigen durch eine Nachbarin. In einer Mischung aus Gleichmut, Geilheit und Widerwillen lässt István dies geschehen, trifft die ältere Frau auch weiterhin. Als deren Ehemann im Handgemenge zu Tode stürzt, muss István in den Jugendknast. Szalay spart die Haftzeit und weitere Ereignisse aus, überhaupt mag er es kurz und prägnant und im Präsens.
Booker-Prize 2025 für »Was nicht gesagt werden kann«.
István wird nach der Haftstrafe Türsteher eines Strip Clubs. Er ist ein Schweiger. Fast alles findet er »okay«, ob er als Soldat im Irak-Krieg dient oder auf einem Weingut tätig ist. Er wird Security-Mitarbeiter in London, dann Fahrer eines reichen Mannes. Er beginnt ein Verhältnis mit dessen Frau Helen. »„Willst du einen Blowjob?«, fragt sie. Er zögert kurz, steckt sich einen Zigarette zwischen die Lippen. »Im Ernst?« »Ja«, sagt sie. »Okay«, sagt er.« Soweit zu den minimalistischen Dialogen des Buches. Szalay schildert zunächst eine Aufstiegsgeschichte. Als Istváns Chef an Krebs stirbt, heiraten er und Helen, sie bekommen einen Sohn. Nun Nutznießer des eingeheirateten Vermögens, wird István selbst zum erfolgreichen Immobilien-Projektentwickler, liest Ratgeber wie: »Playing to Win: How Strategy Really Works«. Seine Mutter zieht zu der jungen Familie nach London. Es kommt zur tragischen Wendung: István verliert infolge eines Autounfalls Frau und Kind. Er weint nicht, aber das Dämpfungsmittel Xanax hilft. Bald darauf privatinsolvent, kehrt István mit seiner Mutter nach Ungarn in die gemeinsame Wohnung zurück und gehört zum Sicherheitsteam eines Mediamarkts. Seine Mutter stirbt. »Danach lebt er allein.«
Szenen von verzweifelter Traurigkeit.
Der so endende Roman, diese episodische Biographie, zeigt einen absichtslosen, fast fühllos wirkenden Mann, den sein eigenes Leben nichts anzugehen scheint. Anders als Didier Eribon, dessen Rückkehr nach Reims von einem Mann aus der Arbeiterklasse handelt, der unter die Intellektuellen gefallen ist und nun befremdet auf den Rechtsruck seines Herkunftsmilieus blickt, bleibt David Szalay gleichmütig wie sein Protagonist. Dessen Ambitions- und Emotionslosigkeit halten sich die Waage, außer, wenn es um Sex geht. So ist die Szene, wie István über einem Nacktfoto der verstorbenen Helen masturbiert, von verzweifelter Traurigkeit.
Nach den neun Männerporträts in Was ein Mann ist (All That Man Is, 2016) hat David Szalay seine Prosa noch weiter verknappt. Ohne jede »Erinnerungshäkelei« (Peter Handke) porträtiert er István, der wie absichtslos wirkt. Für Was nicht gesagt werden kann, diese rasante Lebens-Achterbahnfahrt über einen Typus heutiger Männlichkeit, bekam der Autor 2025 den Booker Prize. Die Juroren, hieß es, hätten »noch nie etwas Vergleichbares gelesen.«
Lebensabgesang zwischen Spott und Melancholie
Auch László Krasznahorkai mutet seinem Protagonisten Jószef Kada, in Zsömle ist weg allerhand zu. Allerdings unter anderen Umständen und in unvergleichlichem Sprachfluss. Onkel Józsi mit seinen 91 Jahren legt kein Holz mehr nach im Haus am Dorfrand irgendwo in Ungarn. Nur Zsömle ist bei ihm, sein Hund. Sie warten auf ihr Lebensende. Krasznahorkai entfaltet eine absurde persönliche und politische Burleske. Eine Gruppe von Monarchisten taucht auf, um mit dem Alten als Galionsfigur den Umsturz zu wagen. Das wahrhaft edle Verhalten eines Menschen bestehe nicht im Faulenzen »und Verschwendung und Tanzschritte und Ausbeutung und so weiter, sondern dass wir in der Welt unseren Mann stehen«.
Die Versprengten sehen in Onkel Józsi, der mit den Reichsbürgern korrespondiert, den letzten Abkömmling der Arpaden – ihm stünde also der ungarische Thron zu. Das gemeinsame Räsonieren und die Bewunderung gefallen dem Greis, den sie »Majestät« nennen, Mit ihm an der Spitze soll Ungarns einstige Größe und Macht wiedererstehen. Einer aus der Schar trägt den Namen Krasznahorkai, ein junger Mann mit Gitarre. Schon nach kurzer Zeit beginnen die Fraktionierungen und Abspaltungen, und als Einige Waffen beschaffen, kommt es zum Streit, ob der Umsturz gewaltsam oder friedlich erfolgen solle. Auch wachsen die Zweifel, ob Onkel Józsi tatsächlich der Mann ist, »der das Heilige Ungarische Vaterland wieder auf den Weg bringen« kann, oder nur ein verwirrter Alter.
Die rückwärtsgewandten Zukunftsträume münden in ein Fiasko, die Sicherheitspolizei setzt die Verschwörer fest, Jószef Kada kommt in eine geschlossene Anstalt. Ein Konservativer sei im Grunde nicht realistisch, hat Alexander Kluge gesagt. Zsömle ist weg erzählt von der teils kuriosen, teils senilen Phantasmagorie eines einsamen alten Mannes und dessen bunter Gefolgschaft. Dieser Lebensabgesang ergießt sich in elf Kapiteln mit jeweils nur einem strömenden Satz. Beim Lesen entsteht der Eindruck, dabei zu sein. Der Roman, dessen todtrauriges Ende hier nicht verraten werden soll, oszilliert zwischen Spott und Melancholie. Krasznahorkai bekannte bei der Verleihung des Literaturnobelpreises 2025, sein Schreiben verdanke sich Franz Kafka, dessen Roman Das Schloss er mit Zwölf gelesen habe, sowie Johann Sebastian Bachs himmlischer Musik und auch Patti Smith mit ihrer Warnung, sich niemandem zu unterwerfen.
Unmenschlichkeit ist das Werk des Menschen
Von der Freiheit selbst unter unfreiesten Umständen handelt András Viskys Die Aussiedlung. Das Buch ist getränkt von den Erlebnissen seiner Familie, die während der 1950er Jahre die Katastrophe des Stalinismus erlitt, berichtet der Autor: »Wir haben fast fünf Jahre in einem kommunistischen Zwangsarbeitslager verbracht, während mein Vater als Dissident zu 22 Jahren Haft verurteilt war. Meine Mutter kämpfte darum, ihre sieben Kinder am Leben zu erhalten. Ich war der Jüngste, der am stärksten Beschützte. Einmal habe ich sie beim Weinen ertappt. Ich erinnere mich, wie ich ihr feierlich versprach, über alles zu schreiben, was wir durchmachten. Ich wollte nie Bücher schreiben – nur dieses eine.
Der Vater Ferenc, ein freisinniger Pastor, kommt in den Gulag. Und seine Frau Júlia, eine Budapesterin, fürchtet, »dass ihr Mann bald in einem Kuvert heimkehren wird.« Denn das ungarische Paar war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Rumänien gegangen und ins Fadenkreuz der kommunistischen Regierung geraten, die 1951 rund 40.000 Menschen unterschiedlicher Ethnien in die Bărăgan-Steppe im Südosten des Landes auszusiedeln begann. Júlia und die Kinder gehören zu den Verbannten.
Ihre Notunterkunft graben sie in die Erde, wobei sie auf die Knochen derer stoßen, die hier verendeten. Júlia, die in der Schweinemast schuften und Getreide schaufeln muss, wird wiederholt von der Geheimpolizei Securitate verhört, wird vergewaltigt. Das Gott wohl Atheist sein müsse, sagt sie einmal, und weiß: »Die Unmenschlichkeit ist das Werk des Menschen«. Die Aussiedlung ist aus der Perspektive des jungen András erzählt. Als ihn einer seiner Brüder fragt: »Wozu sind deine endlosen Geschichten gut?,« erklärt er: »die herrenlosen Seelen ziehen ihre Kreise durch die Lagerluft, sie sind weder in der Hölle hinab- noch in den Himmel hinaufgestiegen, sie warten darauf, dass wir ihre Geschichten erzählen«. Das Kind weiß die allgegenwärtigen Zeichen des Mangels zu deuten. Die Ausgesiedelten wurden enteignet, nur eine Bibel war ihnen geblieben. Brot gibt es nicht, dafür Mais und Akazienblüten. Wird nach dem Morgengebet ein weiteres Lied angestimmt, gibt es an dem Tag nichts zu essen: »das gehört zum Ritual, je mehr wir singen, desto weniger Essen ist in Aussicht«
»Gott muss wohl Atheist sein.«
Die grausamen Erfahrungen seiner frühen Jahre kontrastiert Visky mit der bedingungslosen Liebe seiner Mutter, ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen. Damit fängt sie die Kinder in der Gefangenschaft auf. Frömmigkeit ist für sie gleichbedeutend mit der Hinwendung zum Nächsten. Viskys hat seinen Roman in 822 kurze Abschnitte unterteilt, die alle ohne einen einzigen Punkt geschrieben sind, weil auch seine Kindheitserlebnisse im Gulag kein Ende haben. Sie wirken bis heute, wenngleich Rumänien die Barackendörfer 1956 auflöste und der Vater schließlich zur Familie zurückkehrte. Beim Drehbuch unserer Geschichte seien wir weder Autoren noch Protagonisten, auch nicht die Regisseure und letztlich auch nicht die, die es interpretieren könnten, heißt es einmal.
Visky, Dramaturg am Ungarischen Theater im rumänischen Cluj-Napoca, begegnet in seinem ersten Roman der Erfahrung totalitärer Unmenschlichkeit mit rettendem Psalmodieren. Die Aussiedlung ist ein immer neu ansetzender zuversichtlicher Trostgesang, ist ergreifende Literatur. András Visky und seiner Übersetzerin Timea Tankó 2026 wurde dafür der Internationale Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin zugesprochen.
Der Mann, der alles geschehen lässt; der Mann, der die Vergangenheit zurückhaben will, was sich als Sackgasse erweist, und die Liebeslehre eines zuversichtlichen Mannes, der als Junge Jahre im Gulag verbringen musste, diese drei unbedingt lesenswerten Romane bieten ein Kaleidoskop Ungarns.
David Szalay: Was nicht gesagt werden kann. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Claassen, Berlin 2025, 384 S., 25 €.
László Krasznahorkai: Zsömle ist weg. Roman. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2025, 303 S., 25 €.
András Visky: Die Aussiedlung. Roman. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Suhrkamp, Berlin 2025, 456 S., 30 €.


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