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Beobachtungen in der US-amerikanischen Provinz Nachschlag: Alle sind gut

Auf die Frage, wie sehr man in den USA im Alltagsleben die Folgen des Regierungswechsels von Joe Biden zu »Trump Two« bemerken würde, antwortete Dorothee Elmiger, frisch gekürte Trägerin des Deutschen Buchpreises und seit Jahren in New York lebend, im November 2025 bei einem Abendessen nach einer Lesung: »Eigentlich erschreckend wenig, alle haben mit sich zu tun.« Und was wie ausweichend klingt, beschreibt im Gegenteil sehr präzise das verbreitete Ausweichen. Business as usual: Die nachdenkliche Autorin des dystopischen Romans Die Holländerinnen hat einen Punkt getroffen. Weitab von New York, in St. Louis, lässt sich im Frühjahr 2026 Elmigers Beobachtung bestätigen.

Im Umfeld des Campus der dortigen privaten University haben sie alle mit sich zu tun. Was darüber hinaus passiert in diesem kulturell zerklüfteten, oft so undurchdringlich wirkenden Land? Die fortschreitende Faschisierung, die Repression gegen Minderheiten, die Entlassung von Regierungsmitarbeitern, aber auch Angestellten der Universität, der Ende Februar angezettelte Krieg gegen den Iran: All das ist hier, im provinziell-intellektuellen Umfeld, nur am Rande Thema oder wird in Gesprächen zwar verurteilt, aber eine dauerhaft wirksame Bewegung will daraus nicht entstehen.

Bekenntnisse, mehr nicht

Im Rahmen einer Tagung des German Department unter der Überschrift »Archiving the Sounds of German Cultures«, bekennen mehrere der Vortragenden, dass sie jetzt gerne in Minneapolis, Washington oder New York mit auf die Straße gingen, um an einer der landesweiten »No Kings!«-Demonstrationen teilzunehmen. Aber sie sind nun einmal bei der Tagung in St. Louis und halten nach solchen Bekenntnissen brav ihre Vorträge. Einer spricht über die Schweizer Performancekünstlerin Ursula Biemann, die in der Arktis Unterwassergeräusche aufnimmt. Man müsse nicht über das Meer, sondern mit dem Meer reden in Zeiten des Klimawandels. Dass er für die Tagung mit dem Flugzeug viele tausend Meilen zurückgelegt hat und die gesamte Tagungsverpflegung mit Papp- und Plastikgeschirr bestritten wird? Anderes Thema.  

Eröffnet wurde die Tagung mit einem Gespräch über ein Werk des in Berlin lebenden, in Nigeria geborenen Emeka Ogboh, die er 2015 für die Biennale in Venedig konzipiert hatte. »The Song of the Germans« arbeitet mit zehn Lautsprechern, aus denen die deutsche Nationalhymne in zehn afrikanischen Sprachen von Einwanderern gesungen zu hören ist. Eine der Organisatorinnen der Tagung und der Künstler sprechen über die grenzüberschreitende Macht der Klänge, über Migration und die Freiräume für Kunstschaffende in Berlin.

Verwechslung von Kunst und Dienstleistung

Ein Hauch globaler Perspektive? Eher ein globaler Anstrich des zutiefst Provinziellen: Leonhard Emmerling, Leiter des Goethe-Instituts Chicago, hat die Eröffnung einer Zweigstelle in St. Louis angekündigt. Weg von den großen Formaten der Kulturvermittlung in den Metropolen, wo ein kulturelles Überangebot herrsche. Stattdessen dort, wo die Rednecks zu finden seien, wo es deutsche Kulturvereine mit Oktoberfesten und Volksmusik gebe. Das klang eher nach »Man muss die Menschen da abholen, wo sie stehen« – jener Phrase, die eine Verwechslung von Kunst und Dienstleistung auf eine Formel bringt. Beim Abendessen kommt die Frage auf, ob sich womöglich bald doch wieder etwas im Land zurückändert. Einer der Professoren und ein Bibliothekar sind sich einig, dass es eher nicht die Midterms, die Zwischenwahlen im kommenden November sein werden, die schon zu einem Umschwung führen. Sie meinen, dass es wohl erst noch schlimmer kommen müsse. »But I am optimistic«, sagt der Bibliothekar und lächelt. Ein Widerspruch? Nicht für ihn. Oberflächliche Höflichkeit, um ein Gespräch gut enden zu lassen? Eher schon das.

An den Pinnwänden hängen Zettel, die »Queer Self Portraiture Workshops« anbieten oder einen unter dem Titel »Poetry is Not a Luxury!«, Vorträge unter der Überschrift »How Race Shadows the Nation’s Anniversary« werden angeboten. Eine Baldwin-Oper wird aufgeführt und im Anschluss wird eine Diskussion geführt über die Aktualität der Cambridge-Debatte: 1965 hatten dort James Baldwin und der konservative Publizist William F. Buckley über die These »Der amerikanische Traum wird auf Kosten der Schwarzen ausgetragen« gestritten. Als die Moderatorin, eine Jura-Professorin, jetzt fordert, man solle dem herrschenden Politikergeschrei auf Social Media eine Debattenkultur entgegensetzen, wie sie damals üblich war, erntet sie langanhaltenden Applaus auf einem Campus, wo alles gesagt werden darf und im Nebeneinander der emsigen Wissensproduktion doch alles ineinander zu verschwimmen scheint. Und Donald Trump dann doch immer weit weg bleibt.

»Viele Menschen, deren Körpersprache extremen Druck vermuten lässt.«

Obwohl alles möglich zu sein scheint auf dem Campus, ist einiges eben doch streng verpönt: Unfreundlich sein – das versetzt das Gegenüber in eine sofortige Verweigerungshaltung. Untätig sein – das geht gar nicht. Es scheint, als müsse man stets beweisen, dass man es hinbekommt, was auch immer. Alle sind gut, aber dahinter lauert die Anspannung. Selten sieht man auf so engem Raum so viele Menschen, deren Körpersprache extremen Druck vermuten lässt. Aus europäischer Sicht wirkt manches unecht. Vom Fake-Lächeln, das den freundlichen Menschen aus dem Gesicht rutscht, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, drängt sich die Analogie zu den Fake-News regelrecht auf.

Im Filmseminar wird Die bleierne Zeit von Margarethe von Trotta gezeigt. Man sieht Jutta Lampe und Barbara Sukowa als Schwesternpaar über die Frage streiten, wie die gesellschaftliche Veränderung im Land denn nun herbeizuführen sei: ob langsam durch die Macht der Worte, wie Juliane es fordert, oder als Terroristin, wie Marianne es versucht hat, ehe sie in Stammheim landet. Der Film trachtet mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln danach, eine Antwort herauszufinden. Beide Schwestern sind obsessiv in ihrem Tun. Die Betroffenheit im Saal danach ist groß. Folgenlos, natürlich. Wo alles möglich ist, wird kaum etwas wirklich ernsthaft. Wer ein in sich stimmiges Leben für sich zu retten glaubt, solange – zum Beispiel – der Krieg noch nicht vor der eigenen Haustür angelangt ist, schnallt den Gürtel angesichts steigender Preise eben enger, macht einfach weiter. Mit sich zu tun haben, ein Lebensstil.

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