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picture alliance / Stefano Spaziani | Stefano Spaziani

Papst Franziskus – was bleibt von seinem Pontifikat? Nah bei den Menschen

Papst Franziskus hat den Charakter des Papstamtes verändert. Nicht nur, weil er der erste Nicht-Europäer auf dem Stuhl Petri war. Der erste Jesuit. Und der erste, der den Namen Franziskus wählte. Sondern weil er als Papst die Botschaft des Evangeliums, nah bei den Menschen zu sein, nicht nur verkündete, sondern lebte. Für den Erzbischof von Buenos Aires war der Globale Süden kein abstraktes Konzept. Als Jesuitenprovinzial, Seelsorger und Bischof der Millionenmetropole erfuhr Jorge Mario Bergoglio Ausbeutung und die brutale Herrschaft der Militärjunta in seiner alltäglichen Arbeit. Vor diesem Hintergrund hatte er eine klare Vision der Kirche, die er in seiner Brandrede im Vorkonklave auf den Punkt brachte: Die Kirche dürfe nicht um sich selber kreisen, sondern müsse raus und an die Ränder gehen.

Der Weltöffentlichkeit präsentierte sich der neue Papst nach seiner Wahl 2013 statt mit pelzbesetztem Schulterkragen, goldbestickter Stola und roten Pantoffeln in schlichter weißer Soutane, mit einem einfachen Kreuz und ausgetretenen Straßenschuhen. Die Gläubigen grüßte er als »Brüder und Schwestern«, wünschte ihnen einen guten Abend und bat sie um ihr Gebet. Er selbst behielt seinen spartanischen Lebensstil bei, wohnte im Gästehaus Santa Marta (was er freilich auch nutzte, um Menschen am Protokoll vorbei zu ihm zu schleusen).

Die Kameras, die auf ihn gerichtet waren, lenkte Franziskus auf die, deren Leid nicht gesehen wird. Sein Pontifikat ist verbunden mit starken Bildern und Gesten. Schon seine erste Reise war ein Paukenschlag. Ein Flüchtlingsboot wurde in Lampedusa zum Altar. Mit scharfen Worten redete der Papst der Welt ins Gewissen, geißelte die Globalisierung der Gleichgültigkeit. Ins Gedächtnis gebrannt haben sich auch die Bilder vom betenden Papst auf dem menschenleeren Petersplatz während der Coronapandemie.

Dialog mit Angehörigen anderer Religionen und Atheisten

Neben dem Einsatz für Bedürftige und Geflüchtete war Papst Franziskus der Dialog mit Angehörigen anderer Religionen und Atheisten wichtig. Mit dem Rektor des lateinamerikanischen Rabbinerseminars war er eng befreundet; nur über den Fußballclub waren sie uneins. Eine gemeinsame Erklärung zum Christentum von orthodoxen Rabbinern aus Europa und Amerika nahm Franziskus 2017 persönlich entgegen. Er suchte auch das Gespräch mit Muslimen; 2019 unterzeichnete er in Abu Dhabi zusammen mit dem Großimam der Al-Azhar-Institution ein (noch viel zu wenig rezipiertes) Dokument für ein friedliches Zusammenleben in der Welt. Noch mit letzter Kraft rief er am Ostersonntag 2025 zu Frieden und Abrüstung auf.

Viele Nachrufe zeichnen das Bild eines sympathischen, aber letztlich einsamen Helden, der sich in seiner Liebe zu den Armen und Bedürftigen gegen die Widerstände in der Kurie und die Mächtigen der Welt stemmt. »Der letzte Linke?« fragte etwa die ZEIT.

Die Wirklichkeit ist komplexer. Ja, die großen Enzykliken zeigen seinen entschiedenen Einsatz für die Armen, für Frieden und globale Gerechtigkeit. Die Magna Charta seines Pontifikats (Das Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium, »Die Freude des Evangeliums«, 2013) enthält den bekannten scharfen Satz: »Diese Wirtschaft tötet.« Das Lehrschreiben Laudato si (»Gelobt seist Du«) von 2015, das Armut und Ausbeutung des Planeten als zwei Seiten derselben Medaille vorstellt, wird bis heute weit beachtet. Und Fratelli tutti (»Alle Brüder/Geschwister«, 2020) schärft vor dem Hintergrund der Coronapandemie ein, dass wir alle zu einer Menschheitsfamilie gehören.

Entschlossenes Durchgreifen

In der Kurie, die gelähmt war vom Vatileaks-Schock, griff Franziskus zunächst entschlossen durch: Er besetzte Ämter neu, setzte eine Kommission zur Kurienreform an, beendete die Machenschaften der Vatikanbank. Jüngst berief er zwei Frauen in höchste Positionen. So ist seit März 2025 Schwester Raffaella Petrini Regierungschefin der Vatikanstadt. Auch verschärfte Franziskus die Gesetzgebung gegen die Verbrechen sexuellen Missbrauchs von Klerikern an minderjährigen und schutzbedürftigen Personen.

Den Reformern ging er nicht weit genug, die Traditionalisten leisteten erbitterten Widerstand.

Dennoch bleibt der Eindruck von großer Ambivalenz. Denn Papst Franziskus irritierte mit spontanen Äußerungen und schiefen Sprachbildern. Im Geflecht der Zuständigkeiten kamen die Kurienreformen ins Stocken. Und in Fragen der Lehre – Sexualmoral, Homosexualität, Zölibat oder Weiheämter für Frauen – blieb nüchtern betrachtet alles beim Alten, was vor allem die deutsche Kirche mit ihrem Reformweg schmerzlich erfahren musste. Am Ende ging Papst Franziskus den Reformern nicht weit genug, während die Traditionalisten in seiner Amtsführung eine Missachtung des Papstamtes sahen und erbitterten Widerstand gegen alle Bemühungen leisteten, in zentralen Punkten neue Antworten auf die Wirklichkeit und damit das gelebte Leben der Gläubigen zu finden.

Es wäre sicher verfehlt, Franziskus zu unterstellen, er sei mit den Strukturen im Vatikan überfordert gewesen. Jorge Maria Bergoglio konnte durchaus Macht ausüben – als Jesuitenprovinzial traf er harte Entscheidungen. Bis heute hat sein Orden ein komplexes Verhältnis zu ihm. Auch als Papst beanspruchte er das letzte Wort, etwa als er den dringenden Wunsch der Bischöfe aus Amazonien ignorierte, bewährte Männer zu Priestern zu weihen.

Um das besser zu verstehen, muss man die argentinische »Theologie des Volkes« und die jesuitische Form der Entscheidungsfindung kennen. Daniel Deckers hat in seiner Biografie den argentinischen Hintergrund von Franziskus minutiös herausgearbeitet. So habe Jorge Maria Bergoglio bereits bei der Versammlung der argentinischen Jesuitenprovinz 1974 formuliert, auf der einen Seite stehe das Lehramt der Kirche, das auf unfehlbare Weise verkünde, was die Kirche glaubt; auf der anderen Seite das »gläubige Volk« (pueblo fiel) mit seinem untrüglichen Glaubenssinn, das darüber Auskunft gebe, wie die Kirche glaubt. Mit der hohen Bedeutung der Volksfrömmigkeit und Kultur hätten Bergoglio und wichtige Vertreter der »argentinischen« Schule der lateinamerikanischen Theologie auch ihre scharfe Ablehnung der marxistischen Gesellschaftsanalyse und der darauf aufbauenden befreiungstheologischen Ansätze begründet. Letztlich sahen sie diese unter Ideologieverdacht.

Wie etwas Neues aus Gegensätzen entsteht

Die Spannung zwischen Lehre und Wirklichkeit war Franziskus also bewusst, aber er suchte sie nicht aufzulösen. Im Sinne der ignatianischen Kultur der Entscheidungsfindung setzte er darauf, dass in einer »Dynamik des gegenseitigen Zuhörens« aus Gegensätzen etwas Neues entsteht, so der Jesuit Andreas R. Bartlogg. In diesem Sinne ist sicher der weltweite Prozess der Bischofssynode »Für eine synodale Kirche« zu verstehen, den Papst Franziskus der Kirche verordnete und den er noch aus dem Krankenhaus heraus bis 2028 verlängerte.

»Ihm war es wichtiger, Prozesse anzustoßen als Ergebnisse zu erzwingen.«

Manche sagen, Franziskus habe Türen geöffnet, ohne selbst hindurchzugehen. Ihm war es wichtiger, Prozesse anzustoßen als Ergebnisse zu erzwingen. Dass er durch seine Spontaneität und Mehrdeutigkeit Unruhe erzeugte, nahm er nicht nur in Kauf – nein, er rief wie beim Weltjugendtag in Brasilien geradezu dazu auf, »Wirbel« zu machen. Wobei er vermutlich manchen doch gern vermieden hätte, so den um seine Äußerung, er wünsche der Ukraine den Mut, die weiße Fahne zu hissen, oder die Irritationen über seine Reaktionen auf den Terror der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023.

Der Vatikanjournalist Marco Politi berichtet, Papst Franziskus habe in einer Phase großer Spannungen zu einem Freund in der Kurie gesagt, er bitte den Herrn nur um eines: »dass dieser Wandel, den ich mit meinem großen Opfer für die Kirche fortführe, Bestand habe. Dass er nicht wie ein Licht sei, das von einem Moment auf den anderen verlischt.« Was wird bleiben? Gewiss die Erinnerung an den Menschen Papst Franziskus mit seiner Gabe, intuitiv zu erspüren, wer vor ihm steht, und eine herzliche Atmosphäre auf Augenhöhe zu schaffen. Mit der direkten Hinwendung zu den Menschen hat Franziskus aber auch Geschichte geschrieben. Denn damit hat er den imperialen Charakter des Papsttums in die Vergangenheit verwiesen und gezeigt, wofür Kirche eigentlich steht und stehen sollte. Sein Nachfolger Leo XIV. hat signalisiert, den von Franziskus eingeschlagenen Weg weitergehen zu wollen.

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