Menü

Gert Westphal zum 100. Geburtstag Pionier des Hörbuchs

»Für mich«, sagte Gert Westphal, »ist das Vorlesen die selbstverständliche Lebensäußerung eines passionierten Lesers. Das Mitteilenwollen, was ihm Freude macht. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass Dichtung Sprache ist und das Buch nur wie die Partitur für die abermalige Aufführung. Von Hofmannsthal gibt es für mich das wunderschöne, ermutigende Wort von der ›heimlichen Mündlichkeit des Buches‹.«

Die heimliche Mündlichkeit des Buches hat uns Gert Westphal wie kein anderer Schauspieler und Rezitator seiner Generation wieder bewusst gemacht. Er hat daran erinnert, dass die Anfänge der Literatur im mündlichen Erzählen lagen. Nur haben die Märchenerzähler von heute die Marktplätze verlassen und sind in die Medien gegangen, in die Rundfunk- und Plattenstudios, auch in die neuen Medien. Auch über das Mikrofon lassen sich im Klang einer Stimme ganze Welten der Imagination eröffnen.

Gert Westphal war einer dieser modernen Märchenerzähler und von allen der bekannteste. Man könnte auch sagen: der Pionier. Seine Stimme dürfte allen vertraut sein, die Literatur nicht allein mit dem Auge, sondern auch mit dem Ohr aufnehmen. Keiner hat so wie er große Literatur erzählend vergegenwärtigt, keiner hat so viel und so ausdauernd für Tonträger und vor allem für das Radio produziert. Der komplette Westphal lässt sich kaum berechnen nach Bandkilometern, Sendeminuten und Rezitationsstunden.

Früh hat er damit angefangen: als fünfjähriges Kind in seiner Heimatstadt Dresden, das in ein von seinem Bruder gebasteltes Papiermikrophon sprach. Mit 25, gerade aus dem Krieg zurückgekehrt, hielt er in Bremen seine ersten Rezitationsabende. 1963 nahm er für den Norddeutschen Rundfunk seine erste umfangreiche und bis heute berühmteste Vorlesereihe auf: Joseph und seine Brüder von Thomas Mann, gesendet an 28 langen Abenden. Dergleichen hatte es bis dahin nicht gegeben, und man konnte sich des Erfolgs nicht von vornherein sicher sein. Es wurde dann ein riesiger, ein überwältigender Erfolg. Der S. Fischer Verlag ließ eine Sonderausgabe des Romans drucken, die das große Buch mit 20 Jahren Verspätung bei der deutschen Leserschaft endlich einführte. Gert Westphal hatte daran maßgeblichen Anteil.

Man hat ihn den »Vorleser der Nation« genannt oder auch den »König der Vorleser«. Richtiger wäre die Bezeichnung »Erzähler«. Wie der Verfasser des Josephsromans erinnerte Westphal daran, dass Erzählen »raunende Beschwörung des Imperfekts« ist. Anlässlich der Buddenbrooks notierte Thomas Mann: »Das Epische ist Hörwerk weit eher als Lesewerk, und auch diesem Buch wurde zuerst zugehört, wenn der junge Mensch, der daran schrieb, Angehörigen und Freunden daraus vorlas.« Westphals Rezitation ist aber nicht bloßes Vor-Lesen, Reproduktion eines Lesetextes, nicht einmal nur dessen »Interpretation«. Es ist weit eher seine Verwandlung. Verwandlung bedeutet auf der einen Seite erzählerische Vergegenwärtigung, auf der anderen Seite Entrückung in eine Klangwelt, in Sprachmagie und Wortzauber, durchaus nahe der Musik. Alljährlich am 6. Juni, an Thomas Manns Geburtstag, las Westphal im Kilchberger Haus des Schriftstellers aus dessen Werken vor. Bei einer dieser Lesungen fand Katia Mann für ihn die Formel: »des Dichters oberster Mund« – sie steht im Josephsroman.

Wie lässt sich Westphals Kunst beschreiben? Da ist zunächst die wohlklingende, modulationsreiche, nicht leicht ermüdbare Stimme, eine glänzende Atemtechnik, eine zugleich lebhafte und präzise Artikulation; da sind die souveränen Tempo- und Rollenwechsel und gutgesetzten Pausen, die kräftigen Dialektfarben und eine Charakterisierungsschärfe an der Grenze zur Karikatur; schließlich ein untrügliches Gefühl für den Rhythmus und eine reiche dynamische Skala zwischen dem ruhigen Fluss des Epischen und den belebten Momenten szenisch-dramatischer Dialoge. Westphals Erzählen wirkt durch die Vielfalt der Mittel polyphon, üppig instrumentiert, reich an Ober-, Unter- und Nebentönen, und doch drängt es, an der Grenze zur Raschheit, stets voran in der Zeit.

Unwillkürlich wählt man zur Beschreibung seiner Erzählkunst musikalische Begriffe. Und er selber verstand seine Texte ja auch als Partituren. Unvergleichlich gelang es ihm, ein Textgewebe mit seinen Vor- und Rückbezügen und leitmotivischen Verknüpfungen transparent zu machen und das, was in der Erzählzeit auseinanderliegt, im erzählerischen Augenblick zu verdichten. Da war auch, jenseits des unmittelbar Technischen und Handwerklichen, Westphals immense Belesenheit, seine literarische Intelligenz, nicht zuletzt seine Arbeitsdisziplin. Jederzeit glänzend vorbereitet, ungemein konzentriert, gelangen ihm ganze Lesestunden ohne Versprecher, reichte seine Spannkraft für sechs tägliche Produktionsstunden am Stehpult.

Dabei war er nicht nur Erzähler und Rezitator. Er hat Hörspielabteilungen im Rundfunk geleitet, war Chefregisseur im Fernsehen des damaligen Südwestfunks, Theaterleiter in Bremen, Regiekollege des großen Max Ophüls, in dessen Nachfolge er eine Schule der Hörspielregie repräsentierte (mit Meisterstücken wie Ungeduld des Herzens und Am grünen Strand der Spree); parallel dazu stand er immer wieder auf der Theaterbühne, als Partner berühmter Kollegen von Oskar Werner über Therese Giehse bis zu Ernst Ginsberg und Käthe Gold; er war Theater- und Opernregisseur, ein Journalist für seltene Fälle und immer wieder Autor, vor allem für das Hörspiel. Eigentlich war er ein literarischer Mensch, der großen Anteil an der Blüte der Nachkriegsliteratur hatte – viele berühmte Hörspiele von Alfred Andersch, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Günter Eich und Wolfgang Hildesheimer hat er aus der Taufe gehoben, nicht zuletzt Ingeborg Bachmanns Der gute Gott von Manhattan. Seine Bearbeitung von Franz Kafkas Der Prozess ging in den 80er Jahren über viele westdeutsche Bühnen. Und in St. Gallen hielt er 1984 Vorlesungen über das Vorlesen, das seine liebste Kunst war und die, die zuletzt immer mehr in den Vordergrund trat.

Sein Repertoire hatte eine Spannweite wie bei keinem anderen seiner Kollegen. Er hat Christoph Martin Wielands romantischen Oberon ebenso aufgenommen wie Samuel Becketts Wie es ist, Lyrik von Gottfried Benn oder »Hesse between music« ebenso wie Dantes Göttliche Komödie in Rudolf Borchardts gereimten Terzinen – für den Rundfunk der DDR. Doch seine Domäne blieb die Epik des 19. Jahrhunderts, die Literatur des großen Faltenwurfs, des langen Atems und der heimlichen Mündlichkeit: voran Goethe mit seiner anmutigen, rhythmisch belebten Prosa; Fontane mit seiner leichten und feinen Konversationskunst; schließlich Thomas Mann, der prunkvolle Ironiker. Von diesen drei Autoren hat Westphal nahezu das erzählerische Gesamtwerk aufgenommen. Aber er hat auch die Klippen des psychologischen Abenteuerromans bestanden (Robert Louis Stevensons Junker von Ballantrae), den Manierismus Oscar Wildes (Das Bildnis des Dorian Gray), den grimmigen Humor der Briefe Richard Wagners, die Strenge der Madame Bovary, die heimliche Dramatik von Dostojewskis Schuld und Sühne, die epische Weite von Tolstois Anna Karenina.

Ein großer Teil seiner Lesungen, vor allem seine großen Gesamtaufnahmen, sind im Norddeutschen Rundfunk entstanden. Über 1.000 halbstündige Lesungen habe ich in der Entstehung mitverfolgen können, in der Funktion eines Aufnahmeleiters und ersten Zuhörers – das Wort »Regisseur« verbot sich bei Gert Westphal, denn er führte Regie mit sich selber. Die Produktionswochen mit ihm waren solche intensiver Arbeit und damit auch eines intensiven Lebens. Das macht dankbar. Und vielleicht auch süchtig. Davon wissen viele seiner Hörer zu berichten, bei denen der Tauschhandel mit Westphal-Mitschnitten blüht. Aber dennoch kam es ihm nicht vor allem auf die Breitenwirkung an; er sagte: »Ich fühle darin gerade eine bewahrende Rolle, wenn ich in kleinstem Kreise vor mich hinwirke. Da bin ich, ohne Hoffnung, Größeres zu bewirken, gerne von der Partie.«

Kommentare (1)

  • Carl Wilhelm Macke
    Carl Wilhelm Macke
    am
    Hanjo Kesting über Gert Westphal - zwei 'Lehrer', denen ich sehr viel verdanke. Die NDR-Reihe "Am Morgen vorgelesen" war meine literarische 'Hör-Universität' in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Thomas Mann, Theodor Fontane, Gustav Flaubert verbinde ich für immer mit der Stimme von Gert Westphal. Die Joseph-Roth-Einspielungen haben bei mir kein so langes Echo gehabt. Da passte die leichte, elegante, manchmal fein parfümierte Stimme von Westphal eifach nicht. Egal, Kesting, Westphal, NDR - das waren immer Höhepunkte deutscher Radiokunst.
    Carl Wilhelm Macke ( München )

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben