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100 Jahre Friedrich-Ebert-Stiftung Praxis und Werte der Sozialen Demokratie

1975 feierte die Friedrich-Ebert-Stiftung schon einmal. Zum 50-jährigen Jubiläum bilanzierte Alfred Nau – aktiver Widerständler gegen die Nazis, nach dem Weltkrieg jahrzehntelanger SPD Kassierer/Schatzmeister und 1970-83 Vorsitzender der Stiftung – die Gründung als »großangelegten Versuch«, der unmittelbar aus dem Vermächtnis ihres Namensgebers herrühre. Es ginge darum, Menschen an die Demokratie so heranzuführen, dass sie bereit seien, daran mitzuwirken und sie auch zu befähigen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Jungen Menschen, die sich kein Studium leisten könnten, sollte finanzielle Hilfe zuteilwerden. Die dritte Aufgabe bestünde laut Nau darin, Anstrengungen zu unternehmen, »um den Blick der deutschen Bürgerinnen und Bürger über die Grenzen hinaus für die Notwendigkeit einer völkerverständigenden Politik zu erkennen und dafür zu werben.«

Doch warum stellte Nau die politische Bildung an den Anfang? Die Stiftung war als Friedrich-Ebert-Fonds von der Sozialdemokratie unmittelbar nach Eberts Tod am 28. Februar 1925 ins Leben gerufen worden mit der Bitte, Geld statt Kranzspenden zum Begräbnis Eberts zu geben, um »im Sinne der Lebensarbeit des Entschlafenen« zu wirken, wie es am 2. März 1925 im Vorwärts stand. Tatsächlich wurde dies in den Folgejahren bis 1933 mithilfe von knapp 300 Stipendien umgesetzt, mit denen entweder Schulgeld bezahlt oder das Studium teilfinanziert wurde. Andere Aktivitäten lassen sich nicht eindeutig nachweisen. Mit den beiden flankierenden Aufgaben zur demokratischen Bildungsaufgabe verwies Nau auf den Sinnzusammenhang der »Lebensarbeit« Eberts.

Doch worauf wollte Nau dann Mitte der 1970er Jahre eigentlich hinaus? 1954 wurde die Stiftung als Verein gegründet und konnte vor dem Hintergrund eines enormen Wachstums die stolze Bilanz ziehen, z. B. ihre staatsbürgerliche Bildungsarbeit mit neun Bildungsstätten im Inland und vier Bildungsstätten im Ausland stark ausgebaut zu haben. Nau und dem langjährigen Geschäftsführer Günter Grunwald war es wichtig, die Kernaufgabe der Stiftung herauszuarbeiten, die in den drei oben genannten Bereichen von Bildung, Stipendien und Völkerverständigung zusammenflossen. Ebert hatte kein Testament hinterlassen, aus dem die Aufgaben einzeln hätten benannt werden können. Die Gründung der Stiftung wird vielmehr auf ein Gespräch zurückgeführt, das Ebert kurze Zeit vor seinem Tod mit den drei politischen Freunden Otto Wels und Hermann Müller (die beiden Vorsitzenden der SPD und Mitglieder des Reichstags) sowie Friedrich Bartels (Kassierer der SPD und frisch gewählter Präsident des Preußischen Landtags) geführt hatte. Aus diesem Kontext stammt die Feststellung Eberts, dass eine Demokratie nur durch Demokraten am Leben erhalten werden könne und es deswegen gelte, in diesem Sinne alle erdenklichen Anstrengungen zu unternehmen.

Bildung, Stipendien, Völkerverständigung

Das daraus entstandene Motto »Demokratie braucht Demokraten« geht damit nicht nur auf Ebert zurück, sondern beschreibt die Motivation dessen, was die Friedrich-Ebert-Stiftung seit ihrer Gründung ausmacht – eine auf die Grundlage der Bedürfnisse der Demokratie zugeschnittene Unterstützungsarbeit, die auf das Wichtigste fokussiert, nämlich die darin engagierten Menschen. Dies ist der Grundsatz der Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung auch 100 Jahre nach ihrer Gründung. Die Orientierung an den Grundwerten der Sozialen Demokratie begründet dabei die Ausrichtung der Arbeit auf das Ziel einer gerechten und solidarischen Gesellschaft in einer pluralen Demokratie mit der Teilhabe aller Menschen und einer wirtschaftsdemokratischen Teilhabe.

»Die Bedürfnisse der Demokratie sind Grundlage ihrer Bildungsarbeit.«

In Zeiten, in denen Hetze und auch physische Angriffe auf Menschen wieder zu einem akzeptierten Teil gesellschaftlicher Umgangsweisen und Aushandlungen werden, stellt sich die politische Bildung diesen Tendenzen entgegen und arbeitet an einer optimistischen Sicht auf Demokratie und Befähigung der Menschen, in ihr zu wirken. Dies tut sie im Wissen um das Schicksal Eberts, der sich gegen Hass und Verleumdungen zur Wehr setzte und dabei einen frühen Tod in Kauf nahm. Bis zur letzten Sekunde hatte er für den Erhalt der Demokratie gekämpft und dabei Mitstreiter:innen vermisst.

Im Kontext der gesellschaftlich umsetzbaren Perspektiven des Jahres 1925 bestand für den Ebert-Fonds demnach die zentrale Aufgabe darin, die demokratische Elite perspektivisch dadurch zu vergrößern, dass man jungen Menschen höhere Bildung bzw. ein Studium finanzierte. Die damalige gesellschaftliche Elite Deutschlands wurde nämlich – beispielsweise im öffentlichen Dienst in Justizwesen und Schulen – in der ersten Demokratie Deutschlands von konservativen und antidemokratischen Kräften bestimmt. Nur zwei Prozent der Studie­renden kamen zu der Zeit aus der Arbeiterschaft. Das Stipendienprogramm zielte darauf, diese Gruppe zu stärken und sie zu befähigen, Demokratie aktiv mitzugestalten und zum Beispiel Teil der demokratischen Elite zu werden. Daran knüpfte die Wiederaufnahme der Stiftung mit ihrer Stipendienvergabe Ende 1947 an.

»1925 kamen nur zwei Prozent der Studierenden aus der Arbeiterschaft.«

Doch stellte sich der gesellschaftliche Kontext in der westlichen Nachkriegsgesellschaft grundlegend anders dar als die Situation in der Weimarer Demokratie: Das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die nationalsozialistische Herrschaft beendet, doch die Ideen und menschenverachtenden Werthaltungen waren in vielen Köpfen erhalten geblieben. Und auch wenn die Ablehnung der Demokratie vor 1933 allgegenwärtig gewesen war, so gab es nach 1945 keine Alternative mehr. Demokratische Praxis musste (wieder) eingeübt werden. Zugleich hatte die Sozialdemokratie nach 1945 bewusst auf den Schritt verzichtet, ihre lebensweltlichen Umfeldorganisationen neu aufzubauen, um eine gemeinsame gesellschaftliche Aufbau- und Zusammenarbeit leisten zu können. In diesem Kontext entschieden sich der Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung und der sozialdemokratische Parteivorstand, dessen Teil die Stiftung bis dato war, die Stiftung als Verein 1954 neu zu gründen und dem Bedarf an Bildung nachzukommen. Vor diesem Hintergrund entstand die erste Heimvolkshochschule der Stiftung in Bergneustadt. Bei deren Eröffnung 1956 durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss erkannte dieser die Idee zu einer breiten gesellschaftspolitischen Bildung und empfahl sie den Liberalen der FDP, die nur zwei Jahre später die Friedrich-Naumann-Stiftung gründeten.

Wissenschaftliche Beratung – eine Basis für gute Politik

Die Arbeit der Stiftung erfuhr in den folgenden Jahren Erweiterungen durch die Erkenntnis, dass wissenschaftliche Forschung und Beratung eine Basis für eine gute Politik darstellten und dass die Aufarbeitung der deutschen Geschichte einen wichtigen Baustein für das demokratische Selbstverständnis bilden könnten. Dadurch wuchs die Stiftung weiter an; thematisch wurde sie von den Wechselfällen des Ost-West-Konflikts bestimmt. Zunächst erhielt die Arbeit eine stark antikommunistische Ausrichtung, die in der Inlandsarbeit v. a. auf die Auseinandersetzung mit der DDR gemünzt war, während die Auslandsarbeit von den globalen Stellvertreterauseinandersetzungen des Kalten Kriegs bestimmt war. Im Kontext der neuen Ostpolitik änderte sich diese Arbeit bedingt und führte erst in den 1980er Jahren beispielsweise zu Bildungsreisen in die DDR.

Das Ende des Ost-West-Konflikts 1989/90 führte dazu, dass die Stiftung sich erneut veränderte – in Deutschland und global. Sie wurde nun in der ehemaligen DDR mit regionalen Büros tätig und richtete in den jetzt unabhängigen Staaten des ehemaligen Ostblocks Vertretungen ein. Der Globalisierungsschub der 1990er Jahre und die sich damit durchsetzende Ideologie des Neoliberalismus führten ebenfalls zu veränderten Arbeitsbedingungen: Das Interesse an Wochenseminaren ging zurück, die Themen differenzierten sich aus und die Formate verschoben sich von Bildung in Seminaren stärker hin zu einer Vermittlungsarbeit in öffentlichen Veranstaltungen. So schlossen nach und nach die Bildungsstätten und wurden durch Landes- und Regionalbüros ersetzt, die flexibler arbeiten und schneller auf Themen reagieren konnten.

Die Entwicklung der FES zum »Think Tank«

Die Beschleunigung betraf auch die Auslandsarbeit, die nun eine schnellere Vermittlung nach Deutschland erforderte und die wissenschaftliche und Beratungsarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung zu einem »Think Tank« werden ließ, dem Inbegriff moderner Politikberatung der 1990er Jahre. Schließlich wirkte sich auch die digitale Revolution auf die Arbeit der Stiftung aus, die seit dem Ende der 1990er Jahre auch online ihre Angebote zur Verfügung stellte und sich den je neuen Formen und Formaten anverwandelte. Damit ging zugleich eine starke Differenzierung der Themen einher, die von einer Vervielfältigung der Zielgruppen und deren eigener Ansprache begleitet wurde. Dieser Trend hat sich seitdem nicht umgekehrt, sondern spiegelt die Fragmentierung der Gesellschaft heute in ihre verschiedenen Segmente und Blasen.

Neuerliche Herausforderung unserer Demokratie.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung steht aktuell in einer Phase der neuerlichen Überprüfung, wie sich ihre grundlegende Motivation, dass Demokratie Demokrat:innen brauche, angemessen auf heutige Anforderungen und in Möglichkeiten umsetzen lasse. Dabei gilt die alte Binse, dass nur wer die Vergangenheit kenne, sich auch in der Gegenwart für die Zukunft orientieren könne, weiterhin. In diesem Sinne gilt es, sich vor dem Wertehorizont und der Geschichte der Sozialen Demokratie zu fragen, wie in einer neuerlichen Herausforderung unserer Demokratie diese sinnvoll und effizient unterstützt werden kann. Denn die Soziale Demokratie weiß, dass Geschichte von Menschen gemacht wird und gestaltet werden will. Wer anderes erzählt, agiert nicht im Namen der Demokratie.

Wer mehr über die Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung wissen will: www.fes.de/100-jahre

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