Der Onlinejournalismus hat runden Geburtstag, aber niemand feiert, denn sein Zustand ist nicht dazu angetan, in Sekt- und Partylaune zu geraten. Und mit seinem Niedergang droht der Journalismus insgesamt, wie wir ihn kennen, vor die Hunde zu gehen.
Vor 30 Jahren gingen die ersten journalistischen Websites online.
Vor 30 Jahren, im Herbst 1994, gingen in Deutschland die ersten journalistischen Websites online. Zwar gab es schon davor journalistische Experimente in den frühen digitalen Netzwerken wie BTX in Deutschland, Minitel in Frankreich oder Viewdata in Großbritannien. Aber erst mit dem World Wide Web fand der Journalismus ein neues Medium, das mit neuen Erzähl- und Darstellungsformen die Art und Weise, wie wir aktuelle gesellschaftspolitische Information verbreiten und rezipieren, verändern konnte. Zu den grundlegenden Merkmalen des neu entstandenen Onlinejournalismus zählten die Multimedialität, die Hypertextualität, die Dialogizität und die dauernde Aktualisierbarkeit im »Newsstream«.
Das allererste genuin journalistische Angebot, das mit einer eigenen Website startete, war angeblich im Januar 1994 die kalifornische Lokalzeitung Palo Alto Weekly. Jedenfalls behauptet sie das selbst auf ihrer aktuellen Webseite. Doch schon vorher soll Ende 1993 die Tageszeitung The News & Observer aus Raleigh (North Carolina) einen Onlineableger unter dem Titel Nando Times entwickelt haben.
In Deutschland war es die Deutsche Welle, die als erste im September 1994 eine redaktionelle Seite ins Netz stellte, auch wenn das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bis heute behauptet, Spiegel Online sei im Oktober 1994 die erste journalistische Nachrichtenseite in Deutschland gewesen. Die erste Webadresse des Spiegel war noch nicht sehr eingängig und lockte vermutlich nur wenige User auf die Seite. Sie lautete: hamburg.bda.de/bda/nat/spiegel, wobei »bda« für »Bundesdatenautobahn« stand. Dafür, dass das WWW echtes Neuland war, stand auch die »Hausmitteilung« im gedruckten Spiegel, die bei der Ankündigung der neuen Seite ausgerechnet die Webadresse vergaß. Während Onlinethemen im gedruckten Heft lange keine Rolle spielten, waren umgekehrt die Inhalte des Magazins für den Onlineauftritt häufig nicht sehr relevant, es bildeten sich (auch das für lange Zeit paradigmatisch) zwei unterschiedliche Kulturen aus.
Die taz ist online-Vorreiter
Ab Herbst 1994 starteten nach und nach viele Zeitungs- und Medienhäuser eigene Internetauftritte: Die erste Tageszeitung in Deutschland, die im Frühjahr 1995 online geht, ist die Berliner taz, ursprünglich als studentisches Projekt mit wissenschaftlicher Begleitung und als reine »shovelware«, sprich: als Zweitverwertungsplattform für gedruckte Artikel. Eine eigene Onlineredaktion mit genuinen Inhalten leistet sich die taz erst seit 2007. Die Süddeutsche Zeitung lanciert ihr Angebot SZonNet pünktlich zum 50. Geburtstag der gedruckten Tageszeitung im Oktober 1995, der erste reine Onlineartikel erscheint dort im Herbst 1996. Vielleicht war es kein Zufall, dass in der Anfangsphase der journalistischen Onlineaktivitäten vor allem Blätter mit linkem und linksliberalem Anstrich Antreiber der Entwicklung waren. Ob ein Unternehmen der Zukunft zugewandt ist, das ist womöglich auch eine gesellschaftspolitische Frage. Die bürgerlich-konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung jedenfalls ging mit ihrem Angebot faz.net erst im Jahr 2001 online.
»Eigenständige Online-Nachrichtenseiten hatten es von Anfang an schwer.«
Das ZDF kooperiert im August 1997 für seinen Webauftritt mit MSNBC, was wiederum ein Zusammenschluss der Onlineaktivitäten von Microsoft und dem von General Electric betriebenen TV-Kanal NBC ist. Schon in der Frühphase des Onlinejournalismus kommt es also zu Konzentrationsprozessen, bei denen vor allem die Branchengrößen der alten Nachrichten- und Medienwelt versuchen, ihre Marktmacht ins Internet zu übertragen. Eigenständige Online-Nachrichtenseiten hatten es dagegen von Anfang an schwer. In Norwegen gründen 1996 Olav Anders Øvrebø und Knut Skeid das reine Online-Newsportal nettavisen.no und starten im Jahr 2000 das deutsche Pendant netzeitung.de. Das ambitionierte Projekt, das namhafte Journalist:innen für sich gewinnen konnte, geriet schnell in wirtschaftliche Bedrängnis, und nach mehreren Eigentümerwechseln landete der Dienst beim Kölner Verlag Dumont-Schauberg, der die Netzzeitung 2009 einstellte.
Ähnlich erging es in den 2010er-Jahren den zum Teil mit viel Aplomb gelaunchten deutschsprachigen Seiten von Buzzfeed oder Vice. Sie wurden gefeiert für neue Erzähl- und Darstellungsformen, konnten aber kein tragfähiges wirtschaftliches Modell entwickeln. Andere journalistisch inspirierte reine Onlineangebote wie telepolis.de vom Heise-Verlag in Deutschland oder das in den USA von David Talbot gegründete salon.com haben zwar zeitweise viel Aufmerksamkeit gefunden, waren aber stets mehr essayistisch und meinungsbetont als nachrichtlich orientiert und waren vermutlich auch ökonomisch nie selbständig tragfähig. Etablierte Medienwissenschaftler:innen glaubten schon zu Beginn, »that the Internet hype would eventually disappear«.
Das Siechtum des Onlinejournalismus
17,6 Millionen de-Domains gibt es heute im Netz. Doch los ist dort nichts. Das deutschsprachige Internet ist ein Friedhof. Und das ist keine Polemik oder Hypothese, sondern das Ergebnis einer empirischen Erhebung des Kölner Medienwissenschaftlers Martin Andree. Er konnte auf die Daten des Online-Panels der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zurückgreifen und auf diese Weise analysieren, wie lange Nutzer:innen tatsächlich pro Monat bestimmte Internetangebote nutzen: Nicht simple Klickzahlen, sondern »engaged time«.
Der größte Teil der Internetnutzung geht auf das Konto von Google, Apple, Facebook und Amazon.
Das Ergebnis ist nicht nur, aber insbesondere für journalistische Websites so drastisch wie fatal: Eines der meistgenutzten deutschsprachigen Internetangebote, die Nachrichtenseite spiegel.de, kommt nur auf eine durchschnittliche Nutzungszeit von 18 Minuten – pro Monat! Das ist nur etwas mehr als eine halbe Minute pro Tag. Genauso verheerend sieht es bei anderen qualitätsjournalistischen Angeboten im Netz aus. Auch tagesschau.de schafft nur 20 Minuten Nutzungszeit – monatlich, sueddeutsche.de lediglich neun Minuten im Monat (oder 17 Sekunden am Tag) heraus. Der weitaus größte Teil der Internetnutzung geht auf das Konto von nur vier US-amerikanischen Plattformen (Google, Apple, Facebook, Amazon), und deren medientechnologisches Incentive besteht darin, nicht qualitätsjournalistische Inhalte, sondern eine immer größere Menge immer wertloseren »Contents« auszuspielen. Sie folgen damit jenem Credo, dass der US-amerikanische Rechtsextremist Steve Bannon formuliert hat: »Flood the zone with shit«.
»Das deutschsprachige Internet ist ein Friedhof. «
Auf 15,9 Millionen Domains, also 99 Prozent des Angebots, war überhaupt kein Traffic messbar: Das deutschsprachige Internet ist ein Friedhof. Das ist nicht nur, wie Andree schreibt, eine »haarsträubende Konzentration des digitalen Traffics«, auch die Werbung ist zu den großen digitalen Plattformen übergelaufen. Bis heute werden die weitaus meisten journalistischen Onlineangebote von ihren Print-Schwestern quersubventioniert. Deren Auflage ist aber nicht nur durch die digitale Konkurrenz im Sinkflug, es fällt ihnen auch mangels Werbekunden immer schwerer, wirtschaftlich zu existieren. Die Notsignale aus den Verlagshäusern flackern im Wochenrhythmus auf. Die Medienhäuser fusionieren, kürzen, entlassen, schließen.
Dieser Transformationsprozess ist nicht naturwüchsig. Er wurde über Jahre politisch gefördert, während die Plattformbetreiber im Silicon Valley alle legalen und auch einige illegale Praktiken genutzt haben, um ihre Reichweite zu maximieren. Dazu zählen die geschlossenen Systeme der Social-Media-Apps, die In-App-Browser und die Verhinderung von Outlinks, mit denen die User auf Angebote außerhalb der Big-Tech-Apps kommen können, eine Algorithmus-gesteuerte Nutzerführung, kriminelle Traffic-Manipulationen, die krasse Bevorzugung der eigenen Angebote und die datenschutzfeindliche Monopolisierung der Nutzerdaten. Läuft dieser Prozess unreguliert weiter, werden wir das Finale der Post-Gutenberg Ära erleben, und es wird kein Happy End werden.
Demokratie in Gefahr!
Klingt pathetisch, ist aber so: Eine Demokratie ohne Journalismus ist keine. »Democracy dies in darkness«, schreibt seit 2017 in ihren Zeitungskopf die Washington Post (die ironischerweise dem Amazongründer Jeff Bezos gehört). Was passiert, wenn die Kritikfunktion des Journalismus unterminiert wird, konnten wir live bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen erleben. Autoritäre Regime wie das russische fluten derweil über die Social-Media-Kanäle die Welt mit Desinformation. Wer die Demokratie schützen will, muss dies vor allem auf dem Feld der Medienregulierung tun, denn wir leben in einer Mediengesellschaft.
Zu einer effektiven europaweiten und internationalen Medienregulierung gehören zu allererst die Durchsetzung der Interoperabilität aller Systeme und Plattformen (damit nicht einige Anbieter monopolartige Strukturen durchsetzen können), die Transparenz des Internet-Traffic und ein effektiver globaler Datenschutz. Privatwirtschaftlich oktroyierte Nutzerregeln der Plattformbetreiber haben heute zu einer »Privatisierung des Rechts« geführt. Hier müssen die Möglichkeiten der Judikative genutzt und die Rechte des Einzelnen wieder hergestellt werden.
Nur wundern kann man sich, wie die Politik hierzulande über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk debattiert. Denn dieser Diskurs kennt nur eine Richtung, den der Mittelkürzung und der Programmeinschränkung. Das Gegenteil ist zum Schutz der Demokratie vonnöten. Privatwirtschaftlich organisierte Mediensysteme sind heute schon nicht mehr in der Lage, ihre öffentliche Aufgabe zufriedenstellend zu lösen (siehe USA). In dieser dramatischen Situation ARD & Co. den Betrieb »zeitungsähnlicher Angebote« im Netz untersagen zu wollen, ist fahrlässig. Über »zeitungsähnliche« Angebote der Öffentlich-Rechtlichen werden wir nämlich dann froh sein, wenn es keine Zeitungen mehr gibt.
»Die Diskussion um ein zusätzlich öffentlich-rechtliches Zeitungsangebot müsste wiederaufleben.«
Darüber hinaus war schon vor längerem im Gespräch, zusätzlich ein öffentlich-rechtliches Zeitungsangebot zu machen. Diese Diskussion müsste dringend wiederaufleben. Auch der Vorschlag, eine Nachrichtenagentur wie die dpa zu sozialisieren, war schon im Gespräch. Über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die wesentliche Gesellschafter der dpa sind, ist die Agentur heute schon in Teilen in öffentlichem Besitz. Nur wäre zu überlegen, ob nicht auch deren Nachrichtenangebot, das noch von den Medienhäusern monopolisiert wird, der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden könnte, um eine Informationsvielfalt in der Zukunft zu gewährleisten.
Alle gesellschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Maßnahmen, die dem Schutz vor Desinformation dienen, müssen deutlich stärker öffentlich gefördert werden als bisher. Vor allem muss auch im Bildungsbereich noch deutlicher die demokratieerhaltende Funktion des Journalismus unterstrichen und ein Medienkonsum, der auf valide Information setzt, stark gefördert werden. Ansonsten können wir nämlich unter die Geschichte des Journalismus eines jener Akronyme schreiben, die auf den Social Media-Kanälen als Abkürzung so beliebt sind: RIP.


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