17. Oktober 2024 – Das Berliner Ensemble summt wie ein Bienenstock. Die Reihen sind gefüllt mit jungen Frauen – in Glitzerkleidern und karierten Faltenröcken, mit ausgefallenen Maniküren oder Tattoos, nicht gerade das Klischee eines klassischen Theaterpublikums. (Aber wer braucht schon Klischees?) Derart spannungsvoll und ausgelassen ist die Stimmung hier sonst selten. Die Premiere war bereits nach wenigen Minuten ausverkauft. Heute Abend wird das Liebkind von Pop- und Hochkultur geboten: »Pick me Girls« von und mit Sophie Passmann. Das BE präsentiert eine Bühnenfassung des gleichnamigen Buches der Autorin und Medienpersönlichkeit.
Mit einer Mischung aus Stand-up, politischer Analyse und ernster Autofiktion erzählt Passmann ihre Biografie als namengebendes Pick me Girl. Pick me Girls, das sind Mädchen oder Frauen, die die Aufmerksamkeit von Männern suchen, indem sie sich selbst und ihrer Umgebung immer wieder beweisen: Ich bin ganz anders als andere Frauen, weniger anstrengend, weniger Püppchen, weniger zickig, vor allem aber völlig unabhängig und kein bisschen needy. Von Männern gemocht werden, erläutert die Protagonistin im Buch und auf der Bühne, ist in einer patriarchalen Gesellschaft überlebenswichtig. Trotzdem wird der Terminus, der aus den sozialen Medien stammt, in der Regel pejorativ gebraucht.
Der Abend ist eine gelungene Mischung als Lachen und Trauerbewältigung. Die Zuschauerin erwarten keine moralischen Belehrungen à la Bertolt Brecht, der Galionsfigur dieses Hauses. Sophie Passmann trägt keine politischen Manifeste vor. Das Politische ist hier wirklich privat, persönlich, intim: Letztlich geht es um die Einsamkeit dieser Frauen, eigentlich aller Frauen, die, statt die zu werden, die sie hätten sein können, in einem Akt ewiger Selbstverleugnung feststecken. Slay the patriarchy!
»Pick me Girls« ist übrigens nicht die erste feministische One-Woman-Show, die das BE präsentiert. Mit »It’s Britney Bitch« von Lena Brasch und Sina Martens, einem Abend, der im Januar 2022 seine Premiere feierte, brachte das Berliner Theater bereits einen echten Kassenschlager auf die Bühne – er ist nach wie vor zu sehen. Und auch diese Produktion ist kein Lehrstück in politischer Theorie, sondern erzählt die eingesperrte, gequälte Person Britney hinter der Popstarmaske.
»Das Theater ist eine der letzten Bastionen mit einem Kopf an der Spitze, dem sich alles unterordnet.«
Trotzdem sind solche Inszenierungen mit weiblichen Sujets, weiblichen Teams, weiblichen Besetzungen – Produktionen, in denen überwiegend Frauen hinter und auf der Bühne repräsentiert sind – nach wie vor kleine Besonderheiten. »Die Strukturen am Theater sind noch immer wahnsinnig hierarchisch. Ich glaube, dass viele andere Betriebe dieser Größe einen Strukturwandel durchlaufen haben. Aber das Theater ist eine der letzten Bastionen mit jeweils einem Kopf an der Spitze, dem sich alles andere unterordnet«, sagt Pick-me-Girls-Regisseurin Christina Tscharyiski.
Ausloten von gesellschaftlichen Grenzen
Das Theater der westlichen Welt war immer ein Ort, an dem die Grenzen von Gesellschaften ausgelotet, hinterfragt, mitunter auch gesprengt wurden. Der Skandal gehört zum Theater wie die (gern auch vegane) Butter zum Brot. Und die Zeit der Skandale ist längst nicht vorbei.
Gerade erst inszenierte Florentina Holzinger mit der Opernperformance »Sancta« in Stuttgart einen Abend, der durch die Medien ging, weil Menschen in Ohnmacht fielen und mit Übelkeit den Saal verlassen mussten. In Berlin läuft noch immer ihre Produktion »Ophelia’s got talent« an der Volksbühne, versehen mit einem Beipackzettel an Triggerwarnungen. Holzinger konfrontiert das Publikum mit weiblichen Körpern. An die Nacktheit der Tänzerinnen und Darstellerinnen gewöhnt man sich nach kurzer Zeit. (Dass man sich an Nacktheit überhaupt gewöhnen muss!) Was tief berührt – eine Berührtheit, die so wirklich ist, wie angefasst zu werden –, ist, wie echt diese Körper sind, so echt, dass sie bluten können, so echt, dass man beginnt, ihre spezifische Art zu leiden, ihre Sterblichkeit zu verstehen.
Ein zentraler Begriff der Theaterwissenschaft ist der der »Performativität«. Der Begriff umschreibt, dass das Wahrgenommene nicht nur in Form einer Information abgespeichert und verarbeitet wird, sondern die wahrnehmende Person durchdringt und verändert. Ein performativer Akt ist ein Moment, nach dem die Realität (einer Person) nicht mehr dieselbe ist wie zuvor. Niemand geht ins Theater, um sich lediglich belehren, unterrichten zu lassen, sondern um sich verändern zu lassen. Und derjenige, der Theater als reinen Ort der Belehrung benutzt, tut der Institution, den Spielenden, dem Publikum Gewalt an. Das performative Theater mag ein Ideal sein, das nicht immer, aber doch hin und wieder erreicht wird.
»Der Skandal gehört zum Theater wie die Butter zum Brot.«
Einen solchen performativen, ja revolutionären Moment habe ich in der Produktion »Erinnerung eines Mädchens« von Regisseurin Sarah Kohm an der Schaubühne am Lehniner Platz erlebt. (Es hilft nichts, wenn es um revolutionäre Momente geht ist die Ich-Perspektive die einzig erlaubte.) Es handelt sich um die Bühnenfassung des gleichnamigen Textes der Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, dem Bericht über eine traumatisierende sexuelle Erfahrung einer jungen Frau und die Jahre, die sich Schicht für Schicht auf diese Erinnerung legen. Hauptdarstellerin Veronika Bachfischer hat zur Fassung eigene, ebenfalls autofiktionale Texte beigesteuert. Als Schauspielerin auf der Bühne spannt sie einen Bogen vom selbst Erlebten über Annie D. bis hin zu all den Erinnerungen, die unausgesprochen in den Köpfen des Publikums lagern. »Und das ermöglicht, dass das Publikum den Staffelstab von mir übernimmt. Weil es schon einmal passiert ist, verbinden wir uns«, sagt sie, eine Metapher von Ernaux selbst aufgreifend.
Aber zurück zum revolutionären Moment: Bachfischer, Kohm und Dramaturgin Elisa Leroy haben mit ihrem Abend einen Raum geschaffen, in dem Dinge ausgesprochen werden können, die sonst unsagbar sind. Das hat etwas mit der Bildung eines Safe Space zu tun, aber es ist noch mehr als das. Das Unsagbare kann auch deshalb oft nicht ausgesprochen werden, weil es nicht gehört, nicht richtig verstanden werden kann, weil wir es üblicherweise mit Worten so umkreisen, dass das das Eigentliche, das Wahre unsichtbar bleibt. Im Interview sagt Bachfischer: »Ich habe den Eindruck, solange wir keine Sprache haben, ist es fast unmöglich, frei zu wählen.«
Was Theater kann
Aber an diesem Abend bringt sie vieles zur Sprache (und damit zur Welt), das frei macht: Wussten Sie, dass das Jungfernhäutchen ein Mythos ist? Wenn Frauen nach dem ersten Geschlechtsverkehr bluten, tun sie das aus genau dem Grund, aus dem Menschen bluten: weil sie verletzt sind. Das Hymen, ein dünnes Häutchen am Vaginaleingang, ist sehr dehnbar; es reißt in der Regel beim Geschlechtsverkehr nicht. Jungfräulichkeit kann durch die Untersuchung des Hymens nicht festgestellt werden. Lesen Sie es in einem medizinischen Fachbuch nach oder, wenn Sie gerade keines zur Hand haben, bei Wikipedia. Die verschlossene Jungfrau ist eine Fantasie, und zwar eine, die Männer haben, die davon träumen, Frauen zu verletzen. Das zu hören, es als Teil eines Publikums zu hören, hat etwas in mir (in uns) verändert. So etwas kann Theater.
»Eine Sprache für das eigene Begehren finden.«
Darin erschöpft der Abend sich aber nicht. Worte für den Körper und seine Vorgänge zu haben, heißt auch, eine Sprache für das eigene Begehren zu finden. Die deutsche Sprache kennt viele Worte und Formulierungen für männliches Begehren; der telos weiblichen Begehrens beschränkt sich in unserer Sprache oftmals darauf, männliches Begehren auslösen zu wollen. Als Sarah Kohm gemeinsam mit Veronika Bachfischer auf die Suche nach einem Stoff ging, interessierte sie vor allem das: »Kann es ein weibliches Begehren geben, das sich vollkommen losgelöst von einem male gaze [dem Blick des Mannes] artikuliert?« Die Suche nach der Antwort ist ähnlich wie der Wandel, den die Institution Theater auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung aktuell durchläuft, work in progress.
Dass es nicht das feministische Theater gibt, dürfte keine überraschende Erkenntnis sein; aber die aktuelle Welle des Feminismus, die an die von einschneidenden Haushaltskürzungen betroffenen Berliner Bühnen brandet – von Land unter kann noch keine Rede sein –, ist geprägt vom Versuch, die Dinge, im kollektiven Wissen unserer Gesellschaft bereits vorhanden, mit Geschichten und Schicksalen zu verbinden. Häusliche Gewalt ist eine Frage der Statistik, solange die unzähligen Opfer nicht namentlich genannt werden. Dasselbe gilt für pejoratives Angesprochenwerden, traumatische sexuelle Erfahrungen, Diskriminierung im Berufsleben.
Damit revolutionäre Momente gelingen können, müssen Frauen aus der Objektrolle heraustreten, die ihnen auch in erschreckenden Statistiken noch immer zugewiesen ist. Das Theater kann hier zur Übung in Diskursethik werden, zu einem Safe Space, zu einem Ort, an dem für die Stunden eines Abends ein Kollektiv gebildet wird, das gemeinsam das Persönliche berührt, das so politisch ist. Der Theatersaal ist dann ein Raum, in dem Menschen gemeinsam die Arbeit leisten, Erlebtes und Erinnertes neu zu betrachten, zu bewerten, zu drehen und zu wenden und daraus andere Schlüsse zu ziehen. Dieses Wagnis erfordert Verbundenheit, eine Art von Verbundenheit, die sich auch nach dem Ende eines Abends nicht ganz auflöst. »Wenigstens«, sagt die Bühnen-Sophie-Passmann in »Pick me Girls«, »haben wir uns.«
Der revolutionäre Moment
Trotzdem bleibt die Institution ein Palast der Hochkultur, der von patriarchalen Regeln durchzogen ist. Was und vor allem wer kann in diesen Palästen erreicht werden? Gerade in der aktuellen politischen Weltlage muss diese Frage umso brennender gestellt werden. Aber auch das ist ein Teil des feministischen Theaters, die Notwendigkeit, etwas zu verändern, ins Geschichtenerzählen mit hineinzunehmen. Pick-me-Girls Regisseurin Christina Tscharyiski sagt: »Eine Produktion sehen jeden Abend hunderte Leute. Die tragen das weiter in ihr Leben, in Gespräche und Postings und Artikel, sie reden mit ihren Partner*innen darüber und kaufen sich Bücher zum Thema. Es entsteht eine Masse, die sich mit einem Thema beschäftigt, mit dem sie sich vorher noch nie beschäftigt hat.« Die zu überzeugen, die nicht überzeugt werden können, lohnt den Versuch nicht. Aber die, die Fragen haben, die etwas verstehen möchten, die bereit sind zuzuhören, ein Thema zu umkreisen, tragen den Funken des revolutionären Moments weiter in die Welt. Darauf lässt sich trefflich hoffen.


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