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Liegt Rügen in der Ostsee oder im Baltischen Meer? Eigentlich einerlei; das Wasser um die Insel wird nicht klarer oder trüber, kälter oder wärmer, bewegter oder welliger, wenn ich den einen oder den anderen Namen benutze. Denn »was ist schon ein Name?!«, fragte Julia in Shakespeares berühmtestem Drama, wo er sie auch gleich die Antwort geben ließ: »eine Rose mit jedem anderen Namen würde ebenso süß duften«. In der Tat, Rose heißt auf Japanisch Bara und, das ist die Probe aufs Exempel, duftet genauso süß. Oder nehmen wir Gift. Das wünscht man sich nicht zum Geburtstag, es sei denn, man spricht gerade Englisch. Dann freut man sich über die Gabe. Wenn »Gift« irgendetwas giftiges an sich hätte, müsste das ja wohl überall so sein. Die Beweislast endlos vieler ähnlicher Beispiele ist erdrückend (wenn Sie das nicht allzu wörtlich nehmen).
Julia wusste, wovon sie sprach. Namen beziehungsweise Wörtern haftet nichts Essenzielles an, sie sind rein konventionell. Worauf es allein ankommt, ist, dass wir wissen, was wir meinen, wenn wir von Gift, Rosen oder der Ostsee sprechen. Halt! Wenn einer Donald Trump heißt, muss er immer wieder auftrumpfen. Ist das nicht so? Nomen est omen! – Jeder weiß, dass das Unsinn ist. Das Traurige ist nur, dass Unsinn viele Menschen nicht hindert, daran zu glauben.
»Das Rationale sticht das Irrationale nicht aus.«
Tatsächlich haben wir es hier mit einem Problem zu tun, das die Philosophie seit der Antike beschäftigt. Schon Platon erörterte die Frage, ob Wörter ihre Bedeutung aufgrund einer natürlichen Beziehung zu den Objekten, die sie bezeichnen, haben oder nur aufgrund einer gesellschaftlichen Übereinkunft. Und Konfuzius, noch etwas länger her, sagte, als er gefragt wurde, was er täte, wenn er an die Regierung käme, ohne zu zögern, als Erstes würde er die Namen rechtsetzen, ganz offensichtlich in der Annahme, dass das möglich ist und dass gerechtes Regieren richtige Wortwahl voraussetzt. Naturalismus und Konventionalismus stehen sich seither unversöhnlich gegenüber, und der Grund dafür ist, dass Sprache nicht nur dazu dient, die Welt für uns zu ordnen und Gedanken auszutauschen, sondern auch Emotionen zu vermitteln. Das Rationale sticht das Irrationale nicht aus.
Deshalb gibt es endlos viele Streitigkeiten über die »richtige« Benennung von Dingen, insbesondere Ortsnamen. »Ostsee« und »Baltische See« sind (gegenwärtig) harmlos, aber an heiklen Beispielen mangelt es nicht. Für italienische Nationalisten heißt sie noch heute »Fiume«, die Stadt Rijeka an der adriatischen Küste, die nach dem Zusammenbruch der österreich-ungarischen Monarchie zum Gegenstand gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Kroatien und Italien wurde, angefacht nicht zuletzt vom nationalistischen Dichter Gabriele D’Annunzio (1863–1938). In jüngster Zeit sind hochgeschätzte Schriftsteller wie Maxim Gorki und Alexander Puschkin in der Ukraine in Ungnade gefallen, jedenfalls als Ortsnamengeber, denn der russische Angriff hat auch die russische Literatur unbeliebt gemacht.
Oder fragen Sie mal eine Argentinierin, ob es auf den Falkland-Inseln Pinguine gibt. Wenn sie nicht gleich wütend wird, fragt sie vielleicht nur spitz zurück, »meinen Sie die Malvinas?« Das »Japanische Meer« heißt in Süd-Korea »Ostmeer« und in Nord-Korea »Koreanisches Meer«. Alle drei Seiten ärgern sich gegenseitig mit diesen Bezeichnungen, und die Internationale Hydrographische Organisation hat den Streit seit Jahrzehnten nicht beilegen können.
Mehr Geltung durch einen Bindestrich?
Dass die Tschechoslowakische Sozialistische Republik an einem Bindestrich zerbrach, wäre vielleicht etwas zu viel gesagt, aber eine Rolle spielte er schon. Als 1989, nach Beendigung der kommunistischen Herrschaft, »Sozialistische« aus ihrem Namen gestrichen werden sollte, verlangten die Slowaken einen Bindestrich zwischen »Tschecho« und »Slowakisch« zu setzen, weil sie sonst nicht genug zur Geltung kämen. Die Tschechen lehnten das ab, und eine Einigung wurde nicht erzielt. Ähnlich kam es nach dem Zerfall Jugoslawiens zu jahrelangen Verhandlungen über den Staatsnamen der ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien. Schließlich wurde daraus offiziell Nord-Mazedonien, zum Ingrimm vieler Griechen, die sich gern an Alexander erinnern, den Großen König von Mazedonien. Der berühmte Komponist Mikis Theodorakis beklagte »ein Verbrechen an Griechenland«. Alexander ist lange her. Andere Streitigkeiten sind aktueller. Ob man das an Israel grenzende Gebiet »Judea« oder »West Bank« nennt, kommt einem politischen Bekenntnis gleich.
Julia, um noch einmal zu ihr zurückzukehren, hatte zwar in der Tat recht, aber sie war naiv, da sie nicht in Rechnung stellte, dass rationale Argumente oft genug gegen emotionale Argumente keine Chance haben. Das zeigen die genannten Beispiele und viele andere mehr. Wenn man nur an die Namensänderungen des kolonialen Erbes – etwa Rhodesien (benannt nach Cecil Rhodes, einem britischen Kolonialbeamten), seit 1980 Zimbabwe – denkt, muss man wissen, dass Ortsnamen oft genug politisch sensible Themen sind. Das will freilich nicht jeder wissen; oder er schert sich nicht darum; oder er – ja er – missbraucht sie für seine Zwecke.
Nach U.S-Präsident Trump ist P.C. (political correctness) ein Krebsgeschwür – wenn andere es haben, muss man allerdings hinzufügen, nicht er. Das zeigt sich am Golf von Mexiko, dessen Name unversehens zu einem Schauplatz des von ihm so bezeichneten »fortlaufenden Kriegs mit den Medien« wurde. Zwei Wochen nach seinem Amtsantritt im Januar dieses Jahres beschloss Präsident Trump, dass »Golf von Amerika« der korrekte Name ist und wies alle Behörden an, ab sofort ausschließlich ihn zu verwenden. Warum, fragt man sich, und es fällt schwer, diese Frage anders zu beantworten, als: um Streit zu machen, mit den Nachbarn und insbesondere mit den Medien.
Neu ist das nicht. Trump-Beobachter kennen seine Verachtung der Medien seit seiner ersten Amtszeit im Weißen Haus sehr gut. Denn schon damals sprach der Präsident routinemäßig von den »unehrlichen und korrupten Medien«, beschimpfte Journalisten, die seiner Regierung kritisch gegenüberstanden und bedrohte sie mit Ausschluss. Als nun dieses Mal die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) nicht sofort spurte und weiter »Golf von Mexiko« verwendete – den Namen, der seit dem 17. Jahrhundert weltweit üblich ist und auch von der Internationalen Hydrographischen Organisation anerkannt wird – wurde AP-Reportern zur Strafe der Zutritt zur Präsidentenmaschine Air Force One verweigert, um den Präsidenten zu begleiten. Andere, vor allem Trump-freundliche Medien wie Fox News und USA Today aber auch Google Maps und Apple Maps haben die Namensänderung artig übernommen, vermutlich, um sich nicht wegen einer Bagatelle den Zorn des Machthabers zuzuziehen.
Es ist keine Bagatelle
»Sprachregelung« heißt das, um das Kind beim Namen zu nennen. Die Medien auf diese Weise gefällig zu machen, ist ein mittlerweile gut dokumentiertes Ziel des 45. und 47. US-Präsidenten, der sich in dieser Sache bestens mit seinem russischen Amtskollegen versteht. Manche Journalisten erinnern sich daran, was er am Rande des G20-Gipfeltreffens 2019 in Osaka zu Präsident Putin vor der Presse über die Presse sagte: »Schafft sie ab! Fake News ist ein toller Begriff, nicht wahr? In Russland habt ihr dieses Problem nicht, wir aber schon.« Worauf Putin entgegnete, »wir haben das auch. Ist das Gleiche.«
Das Vorgehen Trumps ist eine echte Bedrohung der Pressefreiheit.
Den Umgang Präsident Trumps mit der Presse betrachten viele Beobachter und Vertreter angesehener amerikanischer Medien wie der New York Times, CNN und CBS als echte Bedrohung der in USA durch den ersten Verfassungszusatz garantierten Pressefreiheit. Schon während seiner ersten Amtszeit bezeichnete er Pressevertreter als »Feinde des amerikanischen Volkes«, was Medienwissenschaftler dazu bewog, eine Parallele zu berühmten Autokraten aufzuzeigen, »namentlich Stalin, Hitler und Mao, die ihre Kritiker, vor allem die Presse, als »Volksfeinde« denunzierten«.
Dass der Präsident, ohne das Thema mit dem anderen benachbarten Anliegerstaat des Golfs auch nur zur Sprache gebracht zu haben, der Bevölkerung und den Medien ohne den allergeringsten Anlass eine typografische Namensänderung aufzwingt, muss man als das sehen, was es ist: Machtmissbrauch. Leider kann man hier Julia nicht folgen und sagen, »was ist schon ein Name«! Denn mit Ortsnamen ist es wie mit Lügen: Wenn man sie oft genug wiederholt – das wusste schon Joseph Goebbels – werden sie geglaubt. Die Fact Checker’s database hat deshalb mittlerweile eine eigene Webseite für Präsident Trump eingerichtet, auf der mehr als 30.000 falsche oder irreführende Aussagen von ihm dokumentiert sind.
Interessant; aber dass diese Webseite von vielen Normalbürgern besucht wird, braucht der Präsident wohl kaum zu befürchten, und dass die sich sprachphilosophische Fragen stellen oder darüber nachdenken, dass Wörter konventionelle Marken mit emotionalen Konnotationen sind, wohl auch nicht. Das Wasser im Golf wird nicht klarer oder trüber, kälter oder wärmer, bewegter oder welliger, und auch die Grenzen im Küstenmeer werden (ohne Verhandlungen oder Krieg) nicht dadurch verschoben, dass man ihn »Golf von Mexiko« oder »Golf von Amerika« nennt. Das wissen sie vermutlich ebenfalls. Nichtsdestotrotz können Benennungen auf die Dauer Einfluss darauf haben, wie man die Dinge sieht. Diese Vermutung liegt allen oben erwähnten Konflikten um Ortsnamen zugrunde.


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